{"id":2429,"date":"2016-09-18T18:01:51","date_gmt":"2016-09-18T16:01:51","guid":{"rendered":"https:\/\/sackingbob74.wordpress.com\/?page_id=2429"},"modified":"2016-09-18T18:01:51","modified_gmt":"2016-09-18T16:01:51","slug":"winter-2015","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/sackingbob74.synology.me\/wordpress\/winter-2015\/","title":{"rendered":"Winter 2015"},"content":{"rendered":"<p>Winter kam zu Besuch. Es war nur ein kurzer Besuch, aber sie drohte schon an, ab jetzt \u00f6fter zu kommen. Sie blickte sich im Raum um und sagte, dass sie noch nie so einen langweiligen Typen wir mich getroffen hatte. Ich w\u00e4re ja wohl die Ausgeburt der Spie\u00dfigkeit und meine Eltern m\u00fcssten entsetzlich entt\u00e4uscht von mir sein.<br \/>\nIch sagte, dass ich mich auch freuen w\u00fcrde, sie zu treffen &#8211; und meinte in diesem Fall, mit einer Bleikugel zwischen die Augen.<br \/>\nSie sagte, dass sie genau w\u00fcsste, was Herbst w\u00e4hrend unseres letzten Treffens gemacht h\u00e4tte. Sie sagte: \u201cIch habe die verdammten St\u00fcrme nicht. Die hat er selbst verschlammt.<br \/>\nEr muss nicht andere beschuldigen, wenn er selbst nichts auf die Kette bekommt.\u201d<br \/>\nEtwas \u00fcberrascht sagte ich: \u201cWenn sie es wussten, warum haben sie sich dann mit mir unterhalten?\u201d<br \/>\nSie sagte: \u201cDas Spielchen war einfach zu verlockend. Ich wollte sehen, wie lange du durchh\u00e4ltst, mein Junge.\u201d Ich sagte: \u201cSie haben mich also nur deswegen so beleidigt?\u201d<br \/>\nSie sagte: \u201cAch J\u00fcngelchen, das mache ich mit jedem. Bei Dir hat es nur zus\u00e4tzlich Spa\u00df gemacht.\u201d<br \/>\nIch fragte sie, warum sie so eine boshafte Hexe w\u00e4re und sie sagte, dass sie einfach so geboren wurde.<br \/>\nDann drehte sie sich um die eigene Achse und wollte gehen.<br \/>\nIch rief ihr nach:&#8220;Sind Sie nicht dieses Jahr etwas fr\u00fch dran?&#8220;<br \/>\nSie drehte sich nicht einmal um, als sie \u00fcber ihre Schulter sagte: &#8222;Die n\u00e4chsten paar Tage sind nur zur Probe. Herbst arbeitet von zu Hause weiter. Das kannst Du dir einreden, mein Junge, wenn es Dich gl\u00fccklich macht&#8220; Dann war sie verschwunden.<br \/>\nEigentlich hatte ich darauf gewettet, dass sie sich ein Beinchen ausrei\u00dft und im Erdboden verschwindet. Aber wir sind ja leider nicht im M\u00e4rchen.<\/p>\n<h1>Noch nicht entschieden<\/h1>\n<p>Winter sah mich \u00fcber die Gl\u00e4ser ihrer Brille hin an. Sie sagte: \u201cIch habe immer noch nicht entschieden, ob ich mich mit Dir unterhalten sollte, Junge.\u201d<br \/>\nIch zuckte mit den Achseln und sagte: \u201cWarum denn nicht? Ich wusste nicht, dass noch Hoffnung besteht.\u201d<br \/>\nIhre Mine blieb wie sie war, kein L\u00e4cheln oder irgendein anderes Anzeichen einer Emotion zeigte sich, als sie sagte: \u201cMan sollte nie mit Idioten reden. Aus der Entfernung kann ein Zuschauer die Beiden nicht unterscheiden.\u201d<br \/>\nIch sagte: \u201cIm Zeitalter des Internets ist das kein Problem mehr. Da sind alle Minderbemittelte. Es diskutieren die Stars mit dem P\u00f6bel &#8211; auf Facebook und Twitter, \u00fcberall spricht jeder mit jedem.\u201d<br \/>\nSie sagte: \u201cNur weil man jetzt jeden Menschen als Hirnlosen bezeichnen kann, hei\u00dft das noch lange nicht, dass ich mich mit Dir unterhalten muss.\u201d<br \/>\nIch sagte: \u201cBei Deinen hohen Anforderungen musst Du aufpassen, dass Du \u00fcberhaupt noch jemand zum Unterhalten findest. Bald bis du sonst ganz allein und redest mit Dir selbst.\u201d<br \/>\nSie sagte: \u201cGott beh\u00fcte. Diese Gespr\u00e4che sind immer so langweilig und ich drehe mich meistens im Kreis. Wobei ich fast jede Diskussion gewinne&#8230;<br \/>\nIch bin trotzdem noch unsicher. Man muss sich ja nicht immer unterhalten.\u201d<br \/>\nIch sagte: \u201cSicherlich nicht. Manchmal ist \u2018Schnauze Halten\u2019 die beste Alternative , die auf jeden Fall zum Ziel f\u00fchrt.\u201d<br \/>\nWinter l\u00e4chelte und sagte: \u201cSag ich doch.\u201d<\/p>\n<h1>Schleichende Christianisierung des Abendlandes<\/h1>\n<p>Winter war heute erneut in meinem B\u00fcro. Ihre Haare flatterten im Wind, den ich nicht wahrnahm. Sie l\u00e4chelte k\u00fchl, als sie die T\u00fcr \u00f6ffnete, lie\u00df jedoch kein Wort der Begr\u00fc\u00dfung fallen.<br \/>\nSie setzte sich auf den Stuhl mir gegen\u00fcber, ohne dass ich ihr das angeboten hatte und sah mich an, wie eine Schlange ihr Opfer fixiert. Nach f\u00fcnf Minuten gab ich entnervt meine Arbeit auf und sah sie an.<br \/>\nSie sagte: \u00bbHast Du keine Angst vor der Islamisierung?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe eher Angst vor der Christianisierung.\u00ab<br \/>\nSie erhob eine Augenbraue und wartete auf meine Erkl\u00e4rung.<br \/>\nIch sagte: \u00bbHier in diesem Land halten sich alle f\u00fcr Christen und meinen nach dem Buch zu leben. Wenn man allerdings genau hinsieht, lebt keiner von ihnen danach. Sie haben die Bibel meistens noch nicht einmal gelesen.\u00ab<br \/>\nWinter verengte die Augen zu kleinen Schlitzen. Sie wackelte mit dem Kopf, als w\u00e4re der nicht angewachsen und sagte: \u00bbKannst Du mir Beispiele nennen?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIm R\u00f6merbrief steht, dass sich jede Frau verschleiern muss und M\u00e4nner keine langen Haare haben d\u00fcrfen. An vielen Stellen steht, dass man Ungl\u00e4ubige ermahnen und wenn das nichts bringt, steinigen sollte. Ehebruch ist grunds\u00e4tzlich mit dem Tod zu bestrafen.<br \/>\nDie Bibel ist voller konkreter Angaben, die kein Schwein befolgt. Aber die Menschen meinen, dass das Christentum so viel besser ist, als der Islam.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu meinst also, wir sollen alle Moslems werden?\u00ab<br \/>\n\u00bbDas habe ich nicht gesagt. Ich meine, wir sollten erst einmal Humanisten sein. Wir sollten den Mitmenschen helfen und f\u00fcr ihn da sein. Danach k\u00f6nnen wir sein, was wir seien wollen.\u00ab<br \/>\nErneut sch\u00fcttelte Winter ihren Kopf und lie\u00df ihre Zunge dabei schnalzen. Sie stand auf und verlie\u00df das B\u00fcro.<br \/>\nIch dachte, dass sie mich nicht fragen sollten, wenn ihr meine Antwort nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<h1>Erwischt<\/h1>\n<p>Winter stolzierte diesmal mit einem Mantel, der bis zum Boden reichte, in mein B\u00fcro. Sie hatte die Nasenspitze so weit gehoben, dass sie fast \u00fcber den Stuhl gefallen w\u00e4re. Ihre Augen konnte ich hinter der Sonnenbrille, die sie trug, nicht sehen.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas Elend auf diesem Planeten kotzt mich an.\u00ab Irgendwie konnte ich ihr da nur zustimmen. Allerdings widersprach es meiner \u00dcberzeugung, Winter in irgendeinem Punkt zuzustimmen. Eher h\u00e4tte ich mir meine Zunge abgebissen.<br \/>\nAu\u00dferdem wusste ich, dass sie eine andere Intention hinter ihren Worten hatte.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn Dir der Planet so missf\u00e4llt, dann nimm Dir doch einen anderen.\u00ab<br \/>\nSie \u00fcberh\u00f6rte meine Worte einfach und sagte: \u00bbDie Armen regen sich die ganze Zeit dar\u00fcber auf, dass sie kein Essen haben. Warum sind sie nicht froh \u00fcberhaupt zu leben.\u00ab<br \/>\nDiesmal war es an mir, die Augen zu verdrehen. Ich sagte: \u00bbDie Reichen k\u00f6nnten ja auch etwas von ihrem Reichtum abgeben, damit es den Armen nicht so schlecht geht.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbJetzt sag mir bitte, dass Du das machst.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbOk, Du hast mich. Eigentlich gebe ich viel zu wenig.\u00ab<br \/>\nEin eisiges Lachen zog \u00fcber ihre Lippen, wie Nebel aus einem Flussbett. Sie sagte: \u00bbIhr seid viel zu egoistisch, damit sich was \u00e4ndert. Wenn ihr wirklich vor h\u00e4ttet, dass sich was \u00e4ndert, dann w\u00fcrde sich auch was \u00e4ndern.\u00ab<br \/>\nDieses Biest hatte tats\u00e4chlich einen wunden Punkt getroffen. Wie konnte ich nur so un\u00fcberlegt in eine ihrer Fallen tappen?<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu hast mich ertappt.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWei\u00df ich. Du schuldest mir was.\u00ab<br \/>\nDann stolzierte sie aus dem Raum und hinterlie\u00df mich z\u00e4hneknirschend.<br \/>\nMan sollte nie die Schnauze zu weit aufrei\u00dfen, wenn man nicht bereit ist, auch daf\u00fcr etwas zu machen.<\/p>\n<h1>Anders glauben<\/h1>\n<p>Winter schwebte in den Raum. Sie hatte eine helle Kombination an, die sie umgab wie Schnee.<br \/>\nVor der wei\u00dfen B\u00fcrowand bot sie reichlich wenig Kontrast.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWenn man das halbe Jahr in seiner Bude rumlungert, bekommt man miese Laune.\u00ab<br \/>\nIch sage: \u00bbWenn man zu lange mit Dir spricht, scheint das \u00e4hnliche Effekte auszul\u00f6sen.\u00ab<br \/>\nWinter ignorierte meine Worte und lamentierte weiter. Sie lie\u00df die die Zunge schnalzen und sagte: \u00bbWenn nicht regelm\u00e4\u00dfig Zeugen Jehovas vorbeikommen, h\u00e4tten man gar keinen Besuch.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch m\u00f6chte mich hier eigentlich nicht \u00fcber andere Religionsgemeinschaften unterhalten. Eigentlich sind alle Leute, die ich kennengelernt habe, mit einem anderen Glauben als meinen, immer recht nett gewesen. Man muss ihnen nur die Chance geben, sie kennenzulernen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbAch bitte, Du willst mir doch wohl nicht wei\u00dfmachen, dass Dir der Glauben von anderen egal ist.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch w\u00fcrde es anders sagen. Mir sind die Menschen wichtig. Ihre Religion ist mir egal.<br \/>\nIch habe schon Hindus kennengelernt, die freundlich und aufgeschlossen waren. Genauso wie Moslems und Leute aus allen m\u00f6glichen christlichen Schattierungen. Die meisten von ihnen waren sehr angenehme Gespr\u00e4chspartner. Ich habe mich gerne mit ihnen unterhalten.\u00ab<br \/>\nWinter schluckte. Sie sah \u00fcberhaupt gar nicht begeistert aus. Sie sagte: \u00bbAber der Islam ist doch so streitbar.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDie meisten Moslems sind sehr ruhig und leben sehr friedlich. Sie sagen, dass der Terrorismus keinen Platz in ihrem Glauben hat.\u00ab<br \/>\nWinter schnalze erneut mit der Zunge. Sie sagte: \u00bbNat\u00fcrlich geh\u00f6rt der Terror dazu.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs gibt gen\u00fcgend Christen, die ebenfalls vernarrte Idioten sind und Bomben werfen. Geh\u00f6rt das zum Christentum?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbNat\u00fcrlich nicht. Das Christentum ist friedlich.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas sag mal bitte allen Opfern des 30-j\u00e4hrigen Kriegs und der Kreuzz\u00fcge.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbNegative Beispiele gibt es immer.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbKomisch, das ist doch genau das, was ich dir sagen wollte. Die Terroristen sind nur die Ausnahmen der Regel.\u00ab<br \/>\nWinter drehte sich auf dem Fleck um und ging.<\/p>\n<h1>Wenn alle schreiben<\/h1>\n<p>Winter war heute grau gekleidet. Sie hatte eine Brille auf der Nase, die ich bisher noch nicht an ihr gesehen hatte. Irgendwie passte ihre Erscheinung nicht zu dem Festtag. Wahrscheinlich feierte sie in einer andere Zeitzone.<br \/>\nWie es so ihre Art war, fragte sie mich, ohne Begr\u00fc\u00dfung und andere Floskeln: \u00bbMeinst Du, dass im Moment noch viel gelesen wird?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs wird mehr gelesen als noch vor Jahren. Wahrscheinlich wurde zu keiner Zeit so viel gelesen wie heute.\u00ab<br \/>\nSie sch\u00fcttelte erneut den Kopf. Diese Reaktion hatte sie sich anscheinend bei jeder meiner Antworten angew\u00f6hnt. So langsam wurde es \u203aPawlow\u2019esk\u2039. Ich nahm mir vor, am morgigen Tag ein Gl\u00f6ckchen bereitzulegen.<br \/>\nSie sagte: \u00bbHeute liest doch keiner mehr. Man h\u00f6rt H\u00f6rb\u00fccher oder sieht Filme und Serien. Intellektuelle gehen vielleicht noch ins\u00a0Theater.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSolange Du Literatur meinst, hast Du vielleicht recht. Aber wenn ich jetzt lesen sagte, so meinte ich diese kleinen Texte von h\u00f6chstens drei Zeilen, auf Facebook oder Twitter. Meist reicht es zwar nur f\u00fcr die \u00dcberschrift, aber pro Tag konsumiert man erschreckend viel von dem Zeug.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas ist, als w\u00fcrde man nur den Zuckerguss vom Kuchen lutschen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWahrscheinlich ist es \u00e4hnlich unhygienisch und damit krankheitserregend f\u00fcr alle Sinne. Irgend ein Autor\u00a0sagte mal, dass das Lesen enden w\u00fcrde, wenn alle schreiben.<br \/>\nIch bef\u00fcrchte, dass er diese Zeit gemeint hat.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDu solltest dringend Deinen WhatsApp Status \u00e4ndern.\u00ab, drehte sich um und war verschwunden.<br \/>\nSie hinterlie\u00df mich, w\u00e4hrend meine Augen eine fast perfekte Runde in ihren H\u00f6hlen hinlegten.<br \/>\nDann w\u00fcnschte ich allen Bekannten ein frohes Fest und hoffte, dass sie den Abend so sch\u00f6n wie m\u00f6glich verbrachten.<\/p>\n<h1>Stille Nacht mit Winter<\/h1>\n<p>Meine Familie und ich, sa\u00dfen harmonisch um den Baum herum, als es klingelte.<br \/>\nMeine Frau verdrehte die Augen und sagte: \u00bbSag mir jetzt bitte nicht, dass es diese merkw\u00fcrdige Person ist.\u00ab<br \/>\nIch sagte ihr, dass ich nichts dagegen machen konnte. Sie war nun einmal da und sie hang mir am Hals, ob ich wollte oder nicht.<br \/>\nAls ich \u00f6ffnete, lehnte Winter sich gegen den T\u00fcrrahmen und pfeilte ihre N\u00e4gel. Sie sah noch nicht einmal auf, um mich zu begr\u00fc\u00dfen.<br \/>\nAls ich die T\u00fcr gerade zuschlagen wollte, war sie mit zwei kleinen Schritten eingetreten.<br \/>\nSie schritt durch den Raum und r\u00fcmpfte die Nase \u00fcber den Weihnachtsbaum, der in der Ecke stand.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWie armselig ist dass denn?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe Dich nicht eingeladen, also kannst Du mir wenigstens die bl\u00f6den Kommentare ersparen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbSoweit ich mich erinnern kann, sparst Du sie Dir ja auch nicht. Auf alle meine Fragen kommen bl\u00f6de Antworten, mein Junge, als ob ich mir das bieten lassen m\u00fcsste.\u00ab<br \/>\nMit einer Handbewegung schleuderte sie ein paar Geschenke von der Couch und lie\u00df sich anschlie\u00dfend auf den freigemachten Platz fallen.<br \/>\nIch musste zweimal blicken, bis ich ihr L\u00e4cheln wahrnahm. Sie schaute durch die Fenster nach drau\u00dfen und war anscheinend recht gl\u00fccklich.<br \/>\nIch sagte: \u00bbKann ich irgend etwas gegen Dich tun?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIhr Kreaturen seid immer so gl\u00fccklich an diesen Tagen.\u00ab<br \/>\nSoweit ich wei\u00df, hatten die meisten Menschen entweder Stress oder Depressionen. Leise rieselt der Schnee bestimmt gerade auf eine Leiche. Von \u00bbStiller Nacht\u00ab kann man bei dem Geschrei der Familie in der Wohnung unter uns auch nicht mehr sprechen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbDann hast Du Weihnachten bestimmt noch nie in einer Familie verbracht.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbEigentlich will ich das auch gar nicht. Sonst w\u00fcrdet ihr mir meinen Glauben an eine frohe Weihnachtszeit auch noch nehmen.\u00ab<br \/>\nDann stand sie auf und sagte: \u00bbF\u00fcr heute lass ich Dich in Ruhe. Aber morgen komm ich vorbei und will einen Braten essen.\u00ab<br \/>\nAls sie die Wohnung verlie\u00df sah ich, wie meine Frau ihren Zeigefinger an den Kopf steckte und so tat, als w\u00fcrde sie eine Schraube festdrehen.<br \/>\nIch glaub, ich werden morgen kochen m\u00fcssen.<\/p>\n<h1>Festessen ohne<\/h1>\n<p>Als Winter kam, hatte ich gerade den Tisch gedeckt. Sie sch\u00fcttelte mit dem Kopf, als sie das Essen sah.<br \/>\nDann sagte sie: \u00bbEigentlich bin ich auf Di\u00e4t.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWarum hast Du Dich eingeladen, wenn Du dann nichts isst?\u00ab<br \/>\nSie ging an mir vorbei, nahm ein Glas und f\u00fcllte es mit Wein voll. Von Etikette hatte sie anscheinend noch nicht viel geh\u00f6rt.<br \/>\nSie sah mich an und sagte: \u00bbIn Afrika verhungern Menschen und ihr macht auf Festessen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch kann Deinen Teil des Bratens auch nach Afrika schicken, wenn Dir das lieber w\u00e4re. Soll ich Luftpost oder normal buchen?\u00ab<br \/>\nErneut tat sie so, als h\u00e4tte sie mich nicht geh\u00f6rt. Sie sagte: \u00bbIhr habt den Reichtum einfach nicht verteilt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu hast recht. Wir haben auf unserer Erde vieles nicht richtig im Griff. Au\u00dferdem l\u00e4uft auch viel falsch, gegen das wir nichts unternehmen.<br \/>\nIch frage mich nur gerade, ob Du Dich hinsetzten willst?\u00ab<br \/>\nSie sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbEigentlich habe ich gar keine Zeit daf\u00fcr.\u00ab<br \/>\nDann rannte sie aus dem Zimmer.<br \/>\nIch setzt mich und nahm das Telefon von der Ladestation. Zum Gl\u00fcck hatte ich noch ein paar Freunde, die ich einladen konnte. Schlie\u00dflich wollte ich das Festessen nicht verkommen lassen.<\/p>\n<h1>Materiell<\/h1>\n<p>Meine Frau meinte, dass mir nicht auffallen w\u00fcrde, wie sehr Winter jedes Mal protzte. Tats\u00e4chlich ist es eine meiner ureigensten Eigenschaften, dass ich es einfach nicht begreife, wenn andere in meiner Gegenwart mit Dingen angeben.<br \/>\nHeute beobachtete ich Winter ganz besonders. Tats\u00e4chlich setzte sie ihre Diamantringe und die teuren Klamotten immer ins rechte Bild, so dass man sie nicht \u00fcbersehen konnte.<br \/>\nIch sagte: \u00bbSag mal, willst Du mir mit den Ringen eigentlich etwas sagen?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDie waren sehr teuer. Ich glaub nicht, dass Du Dir so etwas \u00fcberhaupt leisten k\u00f6nntest. Selbst wenn Du bis an Dein Lebensende daf\u00fcr sparst.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch glaub, wenn ich bis an mein Lebensende f\u00fcr etwas spare, kauf ich\u00a0keine Diamantringe.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbNein ihr M\u00e4nner steht ja eher auf Sportautos und Segeljachten.\u00ab<br \/>\nMein Kopf wanderte von einer Seite auf die andere. Ich sagte: \u00bbDas Geld w\u00e4re mir zu schade. Da w\u00fcrde ich mir eher etwas anderes holen.\u00ab<br \/>\nIn ihrem Gesicht huschte eine Augenbraue nach oben, als h\u00e4tte ein Reh das Rudel f\u00fcr einen Augenblick verlassen. Anscheinend zeigte sie so ihr Erstaunen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbW\u00e4hrend sich meine Freunde sich jedes Jahr Urlaube und alle paar Jahre ein Auto g\u00f6nnten, wollte ich ehr einen neuen Computer.<br \/>\nAu\u00dferdem, was soll der ganze Materialismus? Mitnehmen k\u00f6nnen wir das Zeug nicht.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu meinst in das n\u00e4chste Leben?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDaran glaube ich pers\u00f6nlich nicht. Ich meinte eigentlich eher das Altersheim. Da ist es egal, welchen Wagen Du in der Garage hast. Er wird eh f\u00fcr Deine Pflegestufe geopfert.<br \/>\nIch denke da an meine Oma, die aus eigenem Wunsch in ein Heim gebracht wurde, als sie nicht mehr gehen konnte.<br \/>\nDort war es\u00a0eher wichtig, dass man\u00a0was\u00a0erlebt hatte.<br \/>\nWenn Du im Stuhlkreis sitzt und von Deinen Jachten und Wagen sprichst, wirst Du gelangweilte Leute sehen, die ihre Rollwagen m\u00f6glichst z\u00fcgig\u00a0aus Deinem Weg schieben.<br \/>\nWenn Du jedoch coole Geschichten aus Deiner Vergangenheit hast, wird man Dir zuh\u00f6ren.\u00ab<br \/>\nWinters Gesichtsz\u00fcge zeigten Belustigung, als sie sagte: \u00bbDu machst das alles f\u00fcr das Altersheim?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbNein, ich mach das f\u00fcr mich.\u00ab<br \/>\nSie lie\u00df\u00a0die Zunge schnalzen, als w\u00e4re sie Indiana Jones mit seiner Peitsche und w\u00fcrde mit dieser gerade ein Opfer erlegen. Dann dreht sie sich um und war verschwunden.<\/p>\n<h1>Gut gegen b\u00f6se<\/h1>\n<p>Winter schwebte heute ins Zimmer. Sie hatte einen irren Blick, als w\u00fcrde sie von irgendetwas getrieben werden.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas verschafft mir die Ehre?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu bist schon wieder so abweisend. Freu Dich doch einfach, dass ich Dich besuchen komme.\u00ab<br \/>\nIhre Besuche waren schwerer zu ertragen, wie ein Leben unter einer Br\u00fccke einer ICE-Strecke, ohne warme Kleidung im Schnee. Wirklich gew\u00f6hnen konnte man sich daran einfach nicht. Warm werden, stand nicht zur Debatte.<br \/>\nIch sagte: \u00bbGut finde ich Deine Besuche sicherlich nicht.\u00ab<br \/>\nPl\u00f6tzlich huschte ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht. Sie sagte: \u00bbDas Konzept von gut und b\u00f6se habe ich sowieso nie begriffen. Wenn ich euch Menschen richtig verstehe, dann ist gut so etwas wie langweilig.<br \/>\nWenn man sich die Leute ansieht, die sich selbst als Gutmenschen bezeichnen, dann schlafen einem doch gleich die Fu\u00dfn\u00e4gel ein. Auf der anderen Seite sind die B\u00f6sen immer die richtig interessanten.<br \/>\nSchl\u00e4gt man eure Zeitungen auf &#8211; ich gebe zu, ein ziemlich antiquiertes Vergn\u00fcgen, welches ich ab und zu mal nachkomme &#8211; dann sind sie voll, von den Taten der B\u00f6sen. Von den Langweilern lie\u00dft man da nicht.\u00ab<br \/>\nSie gab mir Zeit zum Nachdenken, w\u00e4hrend sie unstet durch Zimmer schneite. Irgendwie ergaben ihre Worte Sinn.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn man das Fernsehen anschaltet &#8211; wahrscheinlich auch bald genauso antiquiert &#8211; dann merkt man schnell, dass die Anzahl der b\u00f6sen Charaktere \u00fcberhandnimmt. Selbst der Held darf nicht nur gut sein.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas hat sich doch auch in eurer Partnerwahl verankert. Wer mag schon den Milchbubi, der mit seinem Glas Wasser in der Ecke hockt. Der Typ mit der boshaftesten Ausstrahlung bekommt immer die hei\u00dfesten Frauen ab.\u00ab<br \/>\nIch nickte. Waren wir Menschen tats\u00e4chlich so primitiv gepolt?<br \/>\nDann zuckte ich mit den Schultern. Vielleicht sollte ich mir mal ein anderes Image anlegen. Das w\u00e4re wohl wirklich an der Zeit.<\/p>\n<h1>Weichei Protogonisten<\/h1>\n<p>Winter war heute nicht gerade gut gelaunt. Sie suchte Streit.<br \/>\nIch glaub, dass jeder Mann instinktiv wei\u00df, wenn eine Frau Streit sucht. Einen Weg Drumherum gibt es meistens nicht. Aus diesem Grund liebe ich auch den direkten Weg, d.h. die direkte Konfrontation. Ein reinigendes Gewitter hat schon vielen geholfen und selten geschadet.<br \/>\nAllerdings wusste ich nicht, ob ein sofortiger Bruch mit Winter nicht wesentlich hilfreicher f\u00fcr mich w\u00e4re.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDu bist so verdammt passiv. Wenn ich sehe, wie uninteressiert Du bist, dann kotzt mich das an.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas kann ich gut verstehen. Passive Charaktere sind die zweitschlimmsten Personen in Literatur, Theater, Film und Fernsehen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbAnstatt Dich zu rechtfertigen, sprichst Du von Allgemeinpl\u00e4tzen. Wenn ich Dich angreife, dann lenkst Du ab.<br \/>\nWenn ich Dir jetzt sage, dass Du ein weinerliches Weichei bist, was antwortest Du dann?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDiese Charaktere sind mit Abstand die Meistgehassten. Sobald der Protagonist anf\u00e4ngt zu weinen, verliert er alle Sympathie. Der Tod eines Statisten, der heult, ist f\u00fcr den Zuh\u00f6rer, Zuschauer oder Leser meistens hoch befriedigend. Niemand will sich mit Weicheiern und Heulsusen identifizieren.\u00ab<br \/>\nWinter verdrehte die Augen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbSchreckschrauben wie Du, machen allerdings gute Antagonisten. Noch ein wenig mehr Darth Vader und wir haben einen Fiesling f\u00fcr die Geschichte gefunden.\u00ab<br \/>\nWinter fauchte wie eine Katze. Sie schrie mich an, so laut, dass ich die Worte nicht h\u00f6ren konnte. Dann rannte sie zur T\u00fcr und war verschwunden.<br \/>\nIch sch\u00fcttelte nur traurig meinen Kopf und war kurzzeitig so weit mich zu bemitleiden.<br \/>\nDa ich allerdings wei\u00df, dass das hier keiner von mir lesen m\u00f6chte, bitte ich um Entschuldigung.<\/p>\n<h1>Familienbande<\/h1>\n<p>Ich fragte Winter nach ihrer Familie. Dabei hatte ich die Hoffnung sie, von ihrem ewigen Gen\u00f6rgel \u00fcber mich, abzulenken.<br \/>\nSie sagte: \u00bbHerbst hast Du ja schon kennengelernt. Er ist ein furchtbarer Misanthrop. Wenn man ein Beispiel f\u00fcr Introvertiertheit ben\u00f6tigt, m\u00fcsste man sich nur Herbst ansehen. Au\u00dferdem ist er so deprimierend, das man ihn zum Einschl\u00e4fern von Pferden mit gebrochenen F\u00fc\u00dfen einsetzten k\u00f6nnte.<br \/>\nIch halte seine Gegenwart einfach nicht lange aus.\u00ab<br \/>\nDer Begriff Misanthrop schien mir mehr auf Winter selbst zu passen, als auf Herbst. Aber die Reflexion eigener Laster auf andere ist weit verbreitet. Gerade beim L\u00e4stern scheint das ja \u00fcblich.<br \/>\nWinter sagte:\u00bbSchwester Fr\u00fchling ist das absolute Gegenteil. Sie macht so viele dumme Sp\u00e4\u00dfe, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie auch mal irgendetwas ernst nimmt. Dazu ist sie noch unendlich launisch. Von einer auf die anderen Stunde kann sie ihre Meinung um 180\u00b0 gedreht haben.<br \/>\nEine schrecklich anstrengende Person, wenn Du mich fragst.<br \/>\nDann gibt es nat\u00fcrlich noch Bruder Sommer. Er ist einer der Typen, die man nur vollgedr\u00f6hnt auftrifft. Ein zusammenh\u00e4ngendes Gespr\u00e4ch w\u00e4re einfach nicht m\u00f6glich. Sobald er den Mund aufmacht, hat man das Gef\u00fchl, dass man gleich wegfliegenden w\u00fcrde.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu h\u00e4ltst nicht viel von Deiner Sippe?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch halte von vielen nicht viel. Sie sind trotzdem meine Familie. Also erlaube Dir nie, in meiner Gegenwart schlecht \u00fcber sie zu sprechen.\u00ab<\/p>\n<h1>Vertrottelte Zeiten<\/h1>\n<p>Winter fragte mich nach einer netten Geschichte.<br \/>\nIch musste einige Zeit \u00fcberlegen. Eigentlich fiel mir Nichts ein. Irgendwann ist mach einfach nur ausgebrannt. Was soll man dann noch gro\u00df erz\u00e4hlen?<br \/>\nAu\u00dferdem war es schwierig Winter von etwas zu erz\u00e4hlen. Sie sollte ja auf keinen Fall in ihrer Meinung \u00fcber mich best\u00e4tigt werden.<br \/>\nAll meine kleinen Missgeschicke mussten daher unter den Teppich gekehrt werden. Die Geschichte, dass ich einmal zwei Pr\u00fcfungstermine im Vordiplom vertauscht hatte, durfte ich zum Beispiel auf keinen Fall erz\u00e4hlen.<br \/>\nIch war, meiner Meinung nach, p\u00fcnktlich vor der B\u00fcrot\u00fcr des Professors erschienen. Dort traf mich einer seiner Mitarbeiter und teilte mir mit, dass der Professor im Moment gar nicht im Land war.<br \/>\nEtwas \u00fcberrascht blickte ich auf meinen Terminplan und musste feststellen, dass der Tag auf jeden Fall stimmte. Nur die Zeit und das Pr\u00fcfungsthema hatte ich leider vertauscht.<br \/>\nAnstelle von Anorganischer Chemie hatte ich am gleichen Tag und nur zwei Stunden in der Zukunft eine Pr\u00fcfung in Physikalischer Chemie.<br \/>\nBl\u00f6d gelaufen.<br \/>\nIch setzte mich sofort hin und lernte, so viel ich konnte. Es h\u00e4tte gerade so f\u00fcr eine schlechte 2 gereicht.<br \/>\nBl\u00f6derweise erz\u00e4hlte ich am Ende der Pr\u00fcfung dem Pr\u00fcfer davon, dass ich die Termine vertauscht hatte. Er bot mir an, die Pr\u00fcfung noch einmal zu wiederholen. Er meinte, so w\u00fcrde ich meine Zensur noch verbessern k\u00f6nnen.<br \/>\nDas Ende vom Lied war, dass sich mein Missgeschick im gesamten Kollegium rumsprach. Der n\u00e4chste Professor begr\u00fc\u00dfte mich schon mit den Worten: \u203aSind sie sicher, dass sie heute die Pr\u00fcfung bei mir haben?\u2039<br \/>\nNoch schlimmer war jedoch die Wiederholungspr\u00fcfung beim ersten Professor.<br \/>\nDer qu\u00e4lte mich l\u00e4nger als zuvor und sprach immer nett sein Mantra: \u203aSo jemanden wie mich h\u00e4tte er noch nicht kennengelernt. Ich w\u00fcrde wahrscheinlich auch meine eigene Hochzeit verpassen.\u2039<br \/>\nDie Zensur war dann eine glatte 3. Ich bin dem Professor ab dann aus dem Weg gegangen. Die Gefahr war zu gro\u00df, ihm sonst ins Gesicht zu springen.<br \/>\nZu sagen bleibt noch, dass ich p\u00fcnktlich zu meiner Hochzeit war.<br \/>\nNette Geschichte, aber gegen\u00fcber Winter werde ich sie sicherlich nicht erz\u00e4hlen. Ich bin doch nicht verr\u00fcckt. So eine Geschichte beh\u00e4lt man lieber f\u00fcr sich. Wer erz\u00e4hlt schon von einer solchen Sache?<\/p>\n<h1>Jobs im Winter<\/h1>\n<p>Ich fragte Winter, ob Sie, wie auch ihr Bruder, ab und zu Jobs angenommen hatte. Sie l\u00e4chelte mich eiskalt an.<br \/>\nIrgendwie wusste ich nicht, was sie damit bezwecken wollte. Ihr L\u00e4cheln hatte etwas von dem Blick einer Raubkatze, kurz bevor sie sich auf einen lahmen Wasserb\u00fcffel st\u00fcrzt.<br \/>\nF\u00fcr ein paar Augenblicke war ich mir nicht sicher, ob sie noch antworten w\u00fcrde.<br \/>\nDann r\u00e4usperte sie sich und sagte: \u00bbNat\u00fcrlich hab ich dann und wann auch mal etwas gemacht.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas liegt nicht unterhalb Deiner W\u00fcrde?\u00ab<br \/>\nSie sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbSolange der Job gut bezahlt ist&#8230;\u00ab<br \/>\nDann schwieg sie wieder. Anscheinend wartete sie auf meine n\u00e4chste Frage. Ich erwog, die Frage einfach auszulassen. Vielleicht w\u00fcrde sie das ver\u00e4rgern?<br \/>\nDann gab ich nach &#8211; schlie\u00dflich war meine Geduld nicht unendlich und mein Wunsch schweigend in Winters N\u00e4he zu sitzen minimal.<br \/>\nIch sagte: \u00bbErz\u00e4hlt mir mal von Deinen Jobs.\u00ab<br \/>\nSie nickte, als h\u00e4tte ich genau das gemacht, was sie wollte. F\u00fcr einen Moment hatte ich das Gef\u00fchl, als h\u00e4tte man mir den Kopf get\u00e4tschelt und mich hinter den Ohren gekrault. Ich unterdr\u00fcckte den Drang mit dem Hintern zu wackeln. Mit meinem Schwanz zu wedeln stand nicht zur Debatte.<br \/>\nDann sagte sie: \u00bbIch war einmal als Kommissarin t\u00e4tig&#8230;\u00ab<br \/>\nNoch bevor sie weitersprechen \u00a0konnte, unterbrach ich sie und sagte: \u00bbWar es der Fall mit der alten Frau, die umgebracht wurde? Der Fall, bei dem alle T\u00fcren und Fenster von innen verschlossen waren?\u00ab (<a href=\"https:\/\/sackingbob74.wordpress.com\/2015\/11\/29\/verbrechen-bis-weihnachten\/\">HIER<\/a>)<br \/>\nMit einem breitem L\u00e4cheln sagte Winter: \u00bbWer hat Dir davon erz\u00e4hlt?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch erinnere mich noch gut. Es war Herbst. Er hatte den Fall als Erster.\u00ab<br \/>\nWinter nickte kurz. Dann sagte sie: \u00bbWar ein merkw\u00fcrdiger Fall. Der Dilettant h\u00e4tte ihn nie l\u00f6sen k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbErz\u00e4hl mir davon.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbMorgen&#8230; Jetzt werde ich mir erst einmal die N\u00e4gel lackieren.\u00ab<br \/>\nMit einer gekonnten Drehung war sie an der T\u00fcr und entschwunden.<\/p>\n<h1>Alte H\u00fcte<\/h1>\n<p>Heute fragte ich Winter, wie sie den Fall der toten alten Frau gekl\u00e4rt hatte.<br \/>\nSie legte die Stirn in Falten und sagte: \u00bbEs war ein ziemlich harter Fall, mein Junge. Alle Wege nach drau\u00dfen waren von innen geschlossen.\u00ab<br \/>\nUnruhig wippte ich auf meinem Stuhl. Ich sagte: \u00bbDas wei\u00df ich doch schon alles.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWei\u00dft Du auch, dass die alte Schachtel einen Diamantenraub beobachtet und die Verbrecher mit ihrer Aussage hinter Gittern gebracht hatte?\u00ab<br \/>\nW\u00e4hrend sie sprach, nickte ich die gesamte Zeit. Sie sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbDer Diamant war \u00fcbrigens bis zum Tod der alten Dame unauffindbar.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas wei\u00df ich doch schon alles. Ich wei\u00df auch, dass der letzte Gangster fast zur gleichen Zeit wie die alte Dame im Gef\u00e4ngnis gestorben ist.\u00ab<br \/>\n\u00dcberrascht erhob sie die Augenbrauen.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWarum fragst Du dann \u00fcberhaupt nach dem Fall, wenn Du schon alles wei\u00dft.\u00ab<br \/>\nEntnervt sch\u00fcttelte ich den Kopf. Sie schnalzte ein paar Mal in Folge mit der Zunge. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und ging aus dem Raum.<\/p>\n<h1>Mentales Mottenkugelnlutschen<\/h1>\n<p>Diesmal versuchte ich es mit gespielter Freundlichkeit. Ich hatte Winter schon einen hei\u00dfen Tee hingestellt und hoffte sie damit etwas l\u00e4nger zu halten und ihr Informationen zu entlocken.<br \/>\nAls sie in den Raum trat und das hei\u00dfe Getr\u00e4nk sah, r\u00fcmpfte sie die Nase. Sie sagte: \u00bbWas soll das denn jetzt bitte, mein Junge?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch w\u00fcrde sehr gerne wissen, wie Du bei dem Verbrechen vorgingst, welches wir gestern besprochen haben.\u00ab<br \/>\nSie l\u00e4chelte mich g\u00f6nnerhaft an und sagte: \u00bbTja, ich hatte so meine M\u00fche damit.\u00ab<br \/>\nGanz langsam setzte sie sich zu mir an den Tisch. Dann hob sie die Teetasse an den Mund. Bevor sie trank, sagte sie: \u00bbWas h\u00e4ltst\u00a0Du eigentlich von\u00a0den ganzen merkw\u00fcrdigen Teesorten, die es mittlerweile gibt?\u00ab<br \/>\nEntnervt sah ich sie an. Alle meine Gesichtsz\u00fcge entgleisten gleichzeitig und wurden umst\u00e4ndlich zur\u00fcck in den Bahnhof geschoben. Sie sagte: \u00bbBesinnlichkeit, Entspannung, Power, Energie, Magen und Darm &#8211; sie erfinden immer etwas Neues.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMeinst Du nicht, dass schon genug dar\u00fcber gesprochen wurde?\u00ab<br \/>\nSehr langsam f\u00fchrte sie die Tasse weiter. Mit einem Schnauben zog sie einen winzigen Schluck ein. Dann sch\u00fcttelte sie sich.<br \/>\nIch sagte: \u00bbZu kalt oder zu warm?\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbGerade richtig. Aber Du hast mir noch nichts von Deiner Meinung \u00fcber Teesorte gesagt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe noch nie irgendeine Wirkung erlebt. Der Tee zur Beruhigung beruhigt mich genauso, wie der mit Energie. Sobald gr\u00fcner oder schwarzer Tee dabei ist, macht er zwar wach, aber mehr auch nicht.<br \/>\nDie Sorte &#8218;Gl\u00fcck&#8216; ist mehr mentales Mottenkugelnlutschen als Propellerm\u00fctze. Ob ich mir die Wirkung des Erk\u00e4ltungstees nur einbilde oder ob sie medizinisch belegt ist, kann ich nicht sagen. H\u00e4tte man Wirkstoffe, die wirklich einen Effekt h\u00e4tten, w\u00e4ren sie in Deutschland wahrscheinlich sowieso verboten. Die meisten Bezeichnungen sind absolut sinnfrei.\u00ab<br \/>\nWinter nickte und nippte weiter.<\/p>\n<h1>Das Versprechen<\/h1>\n<p>Winter kam heute hereingeschneit, wie der Wind durch die Gardinen eines offenen Fensters. Sie entbl\u00f6\u00dfte beim L\u00e4cheln ihre Z\u00e4hne, die ungesund wei\u00df waren. Wahrscheinlich werden die Dinger im Dunklen leuchten, dachte ich mir.<br \/>\nNoch bevor ich die Frage stellen konnte, die mich so sehr besch\u00e4ftigte, sagte sie: \u00bbWarum machst Du das \u00fcberhaupt?\u00ab<br \/>\nSie h\u00e4tte mich auch aus dem Stand anspringen k\u00f6nnen, ich h\u00e4tte nicht \u00fcberraschter sein k\u00f6nnen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas meinst Du? Atmen? Aufrecht Stehen? Mit Dir sprechen? Eigentlich wundert mich der letzte Punkt selbst. Eigentlich sollte ich mir dar\u00fcber einmal Gedanken machen &#8230;\u00ab<br \/>\nSie sch\u00fcttelte den Kopf, als wollte sie Wasser aus ihren blonden langen Haaren schleudern und sagte: \u00bbNein, ich mein die ganze Schreiberei?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMeinen Blog? Die Dinge, die ich jeden Tag festhalte?\u00ab<br \/>\nJetzt nickte sie.<br \/>\nIch sagte: \u00bbDa brauch ich aber l\u00e4nger Zeit, um Dir das verst\u00e4ndlich zu machen. Nicht nur die paar Minuten.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDann erz\u00e4hl es mir morgen.\u00ab<br \/>\nBevor sie rausschneien konnte, baute ich mich in der T\u00fcr auf.<br \/>\nSie sah mich \u00fcberrascht an und ich sagte: \u00bbDann musst Du mir aber auch etwas versprechen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbUnd das w\u00e4re?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbErz\u00e4hl mir von dem Verbrechen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbOk mach ich.\u00ab Dann war sie an mir vorbei geschl\u00fcpft. Ich f\u00fchlte nur einen leichten Luftzug, als sie die T\u00fcr hinter sich schloss.<\/p>\n<h1>Nach den B\u00e4umen<\/h1>\n<p>Diesmal hatte Winter zwei Becher mit einer dampfenden Fl\u00fcssigkeit in ihren H\u00e4nden. Ich war definitiv \u00fcberrascht, wobei ich die Becher kritisch betrachtete. Ihre gute und \u00fcberschw\u00e4ngliche Laune verdarb mir den Spa\u00df auf die Beantwortung ihrer Frage.<br \/>\nDaher sagte ich: \u00bbWas h\u00e4ltst Du eigentlich vom Feminismus?\u00ab<br \/>\nIhr L\u00e4cheln entschwand, wie das Eis von einer Autoscheibe, wenn man warmes Wasser dr\u00fcbersch\u00fcttet.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu lenkst ab.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbHast Du gestern auch gemacht.\u00ab<br \/>\nWir beide schwiegen einen Augenblick. Sie stellte einen Becher vor mir ab und sagte: \u00bbDas mit dem Feminismus ist endlich einmal eine gute Idee.\u00ab<br \/>\nIch griff nach dem Becher, roch daran &#8211; es war irgendetwas Fruchtiges drin &#8211; und nahm einen Schluck. Mit etwas Zucker w\u00e4re das Getr\u00e4nk besser.<br \/>\nWinter sah mich an und ich merkte, dass sie eine Erwiderung erwartete.<br \/>\nIch tat ihr den Gefallen und sagte: \u00bbWie meinst Du das?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbGanz fr\u00fcher, kurz nachdem ihr von den B\u00e4umen geklettert kamt, war die Frau das Zentrum der Gesellschaft. Sie war wegen der F\u00e4higkeit der Reproduktion an der Macht.<br \/>\nDanach kamen die bl\u00f6den Griechen und R\u00f6mer und f\u00fchrte die Diktatur des Mannes ein. Nach fast 3.000 dunklen Jahren ist es doch wohl richtig, dass die Frau ihre eigentlich Rolle erneut annimmt.\u00ab<br \/>\nDas musste mir Winter genauer erkl\u00e4ren.<\/p>\n<h1>Von Frauen und Pflugscharen<\/h1>\n<p>Winter sagte: \u00bbWir Frauen sind einfach besser als ihr M\u00e4nner.\u00ab<br \/>\nIch nahm einen neuen Schluck aus dem Becher und sagte: \u00bbDas meinst Du doch jetzt nicht ernst. In was seid ihr Frauen besser als wir M\u00e4nner?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIn Allem!\u00ab<br \/>\nDabei sah sie im Raum umher, wie K\u00f6nigin Cleopatra kurz nach der Kr\u00f6nung \u00fcber ihr Volk geblickt haben muss.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs ist doch augenscheinlich, dass M\u00e4nner st\u00e4rker sind als Frauen. Das ist ja auch in allen Sportarten stark ersichtlich.\u00ab<br \/>\nWinter zuckte die Achsen und sagte: \u00bbDas liegt nur daran, dass wir Frauen mit unseren geistigen F\u00e4higkeiten, uns gar nicht so anstrengen wollen.\u00ab<br \/>\nF\u00fcr einen Augenblick dachte ich, dass sie mich verarschen wollte. Dann las ich aus ihrer Mine, dass sie es ernst meinte.<br \/>\nSie f\u00fcgte hinzu: \u00bbWusstest Du, dass es bei den Ureinwohner Australiens \u00fcblich war, dass die Frau den Pflug zog, w\u00e4hrend der Mann hinten die Spur halten musste?\u00ab<br \/>\nIch sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas f\u00fchrte dazu, dass die Aborigines annahmen, dass die K\u00fche die Frauen der Engl\u00e4nder sein mussten, da diese ja den Pflug zogen.\u00ab<br \/>\nSie nahm selbst einen Schluck, bevor sie sagte: \u00bbDu siehst, dass damals in dieser Kultur, die Frauen die harte Arbeit taten.\u00ab<\/p>\n<h1>Diskussionen mit Idioten<\/h1>\n<p>Ich sagte: \u00bbAber man kann doch trotzdem nicht sagen, dass Frauen besser sind als M\u00e4nner. Was ist denn mit der Gleichberechtigung?\u00ab<br \/>\nWinter lachte auf. Ihr Lachen klang so stark nach Fingern, die auf Schiefertafel kratzen, dass sich bei mir die Nackenhaare so weit aufstellten, dass wenn ich keine Kleidung getragen, ich von hinten, wie ein Stachelschwein ausgesehen h\u00e4tte.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas ist der gr\u00f6\u00dfte Bl\u00f6dsinn, den ich je geh\u00f6rt habe. Einer muss doch siegen. Diese ganze Gleichberechtigung ist eine v\u00f6llige Idiotie.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs w\u00e4re doch netter, wenn wir keinen Gewinner oder Verlierer h\u00e4tten, sonder gleichberechtigte Partner.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWer glaubt denn so etwas? Du willst doch wohl nicht sagen, dass das irgendjemand befriedigen w\u00fcrde? Das Leben ist ein Spiel und da braucht man Schiedsrichter und Spieler. Das eine sind wir und das andere seid ihr. Wenn ihr nicht richtig spielt, werdet ihr vom Platz fliegen.<br \/>\nSo einfach ist das.\u00ab<br \/>\nIch sah sie fassungslos an. W\u00e4ren meine Z\u00e4hne nicht angewachsen, dann w\u00e4ren sie mir zu diesem Zeitpunkt aus dem Gesicht gefallen.<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass es nichts mehr zu diskutieren gab. Ich halte mich strickt an die Anweisung, dass man nicht mit Wahnsinnigen verhandeln sollte &#8211; aus der Entfernung kann man, wie ich es schon schrieb, beide Parteien nicht mehr auseinanderhalten.<\/p>\n<h1>Warum ich schreibe<\/h1>\n<p>Heute kam Winter zu mir und ich wusste, dass ich ihre anf\u00e4ngliche Frage beantworten musste, damit ich endlich eine Antwort auf meine Fragen erhielt.<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch wollte Dir sagen, warum ich einen Blog habe.\u00ab<br \/>\nSie setzte sich auf die Tischkante &#8211; eigentlich war es etwas zu nah, aber ich wollte nicht unh\u00f6flich sein.<br \/>\nAus einer kleinen Tasche zog sie eine Nagelfeile und betrachtete anschlie\u00dfend pr\u00fcfend ihre Fingern\u00e4gel, als h\u00e4tte man sie in Gold getaucht.<br \/>\nNachdem ich nicht sofort anfing, klopfte sie mit dem Unterteil ihrer Feile drei mal auf den Tisch und sah mich ganz kurz an.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich kann ich Dir darauf keine richtige Antwort geben, denn es gibt nicht nur eine.\u00ab<br \/>\nDa sie die Stelle zum Fragen vertr\u00f6delte, entschloss ich munter weiter zu reden.<br \/>\nIch sagte: \u00bbZun\u00e4chst einmal schreibe ich gerne. Das ist nun einmal ein Hobby.<br \/>\nAls Zweites unterhalte ich mich gerne. Wir hatten damals an der Uni ein Forum, welches dazu genutzt wurde, allen m\u00f6glichen Mist aufzuschreiben und andere damit zu unterhalten.<br \/>\nDer dritte Grund ist, dass ich meine Meinung sagen m\u00f6chte. Oft schweige ich, wenn ich eigentlich etwas sagen sollte. Meist mache ich es nicht, weil es die H\u00f6flichkeit so gebietet. In meinem Blog kann ich allerdings sagen, was ich will.\u00ab<br \/>\nWinter feilte ab und zu an einer, dann wieder an der anderen Hand. Eine Reihenfolge konnte ich nicht ausmachen.<br \/>\nAls ein wenig Ruhe eingekehrt war, sah sie mich ganz \u00fcberrascht an und sagte: \u00bbDas war ja langweiliger als ich erwartet hatte. Ich w\u00e4re fast eingeschlafen.\u00ab<br \/>\nIch zuckte mit den Schultern.<br \/>\nSie erhob sich und sagte: \u00bbDu bist mir immer noch eine Geschichte schuldig.\u00ab<br \/>\nIch sah ihr nach und wusste nicht, was sie damit meinte.<\/p>\n<h1>Richtiges Verhalten gegen\u00fcber Raubtieren<\/h1>\n<p>Winter hatte einen wei\u00dfen Kapuzenpulli an, auf welchem mit goldenen Lettern die Worte: \u00bbLady De-Winter und ihre drei Musketiere\u00ab standen.<br \/>\nMir war bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht klar gewesen, dass man solche Pullis auch in Wei\u00df erh\u00e4lt.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu schuldest mir eine Geschichte.\u00ab<br \/>\nIch sah sie fragend an und sie sagte: \u00bbErz\u00e4hl mir, wie Du mit dem Schreiben angefangen hast.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEine Lehrerin hat es mir beigebracht. Sie hatte ziemliche Schwierigkeiten dabei, weil ich irgendwie nicht begreifen wollte, wie man die Buchstaben in die richtige Reihenfolge bringt.\u00ab<br \/>\nIhr Blick traf mich mit so einer Wucht, dass ich fast erfroren w\u00e4re. Ihre Stimme hatte eine klare Betonung auf den Zischlauten, so dass sie wie eine Schlange wirkte. Die gespaltene Zunge konnte ich nicht erkennen.<br \/>\nSie sagte: \u00bbFang da an, wo es interessant wurde.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbF\u00fcr meine Lehrerin war meine Schrift auf jeden Fall interessant. Sie sagte, dass sie meine Texte einmal zu einem chinesischen \u00dcbersetzer bringen w\u00fcrde, nur um zu belegen, dass es sich hier keinesfalls um Deutsch handelt k\u00f6nnte.\u00ab<br \/>\nJetzt sah man die Venen in ihrem Hals pulsieren.<br \/>\nIch l\u00e4chelte, wie man das vor L\u00f6wen machen sollte, um ihnen zu zeigen, dass man st\u00e4rker ist als sie. Vielleicht hab ich das jetzt allerdings auch durcheinandergebracht.<\/p>\n<h1>Die ersten Texte<\/h1>\n<p>Beinah h\u00e4tte ich Winter operativ aus meinem Gesicht entfernen m\u00fcssen. Sie hatte ihre Krallen schon erhoben und in ihrem Blick lagen ausgefahrene Springmesser, die nur darauf warteten, durch mich hindurchzufahren, wie zwei L\u00f6ffel durch Eierlik\u00f6r.<br \/>\nSchnell sagte ich: \u00bbEigentlich fing es w\u00e4hrend meiner Ausbildung als Chemielaborant an. Ich schrieb am Abend ein Tagebuch, welches ich immer wieder durch kleine Erz\u00e4hlungen erg\u00e4nzte. Nach und nach entstanden so immer l\u00e4ngere Texte.\u00ab<br \/>\nDie Hautfarbe von Winter wechselte langsam von der Farbe von fl\u00fcssigem Metall zu der vornehmen Bl\u00e4sse zur\u00fcck, die sie normalerweise bevorzugt. Sie nickte und sagte: \u00bbWeiter!\u00ab, wobei sie sich fast auf die Lippe biss.<br \/>\nIch sagte: \u00bbNach der Ausbildung entstand f\u00fcr mich eine ganz neue Welt. Ich hatte einen Freundeskreis, der gerne schrieb. Zun\u00e4chst waren es nur kleine Gedichte, doch mit der Zeit wurden es Kurzgeschichten. Wir hatten sogar unsere eigene monatliche Zeitung. Ich glaube nicht, dass sie viel gelesen wurde, aber es war zumindest ein Anfang. Ich setzte die Texte auf eine Internetseite. Das muss um 1995 gewesen sein. Eine Geschichte wurde mir damals f\u00fcr 200 DM abgekauft. Das war ein ganz besonderer Moment. Begeistert von dem Geld wollte ich mich hinsetzen und ein Buch schreiben.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDu m\u00fcsstest mittlerweile ein paar B\u00fccher gef\u00fcllt haben.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDazu kam es nicht. Das Studium war zu einnehmend. Dazu kam, dass meine Freunde lieber in den Pub gingen, als sich zum Schreiben zu treffen. Das Hobby wurde beerdigt &#8211; f\u00fcr eine verdammt lange Zeit.\u00ab<\/p>\n<h1>Romane und keine Ende<\/h1>\n<p>Winter sagte: \u00bbUnd wie bist Du wieder angefangen?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe ein Hobby gesucht, welches ich neben Job, Familie und Fernsehen aus\u00fcben kann. Da ich nicht unbedingt sportlich genannt werden kann, suchte ich etwas weniger Schwei\u00dftreibendes. Es war mir eigentlich sofort klar, was es werden sollte.\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbWas dann?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbNat\u00fcrlich wagte ich sofort den Schritt zum Roman. Ich stellte jeden Tag einen Text ins Internet.\u00ab<br \/>\nEin Lachen erklang und Winter sagte mit spitzem Ton: \u00bbTolle Innovation.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSchon damals kein Novum &#8211; und das Ding war schwer wie Blei und ungef\u00e4hr genauso gut verdaulich.<br \/>\nWas ich nicht wusste war, dass ich alle Anf\u00e4ngerfehler gleichzeitig beging. Ersteinmal hatte das Ding zu viele Perspektiven, dann einen zu gro\u00dfen Umfang &#8211; der Roman war zu ambitioniert. Man sollte erst beim dritten Roman hoffen, dass er etwas Besseres wird. Ger\u00fcchte besagen, dass Harry Potter der f\u00fcnfte Roman der Autorin war. Die anderen waren so schlecht, dass sie nie das Licht der Sonne gesehen haben.<br \/>\nDer zweite Roman, den ich w\u00e4hrend des NaNoWriMo schrieb, war etwas leichter und bek\u00f6mmlicher. Allerdings noch weit weg von guter Literatur.<br \/>\nAuch dieser Roman landete in Scheibchen im Internet und ist bis heute einsehbar. Allerdings warne ich jeden &#8211; bisher gab es nur sehr wenige, die das Ding bis zum Ende gelesen haben. Die Meisten sind vorher eingeschlafen.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter schrieb ich die zweite Geschichte, die zu \u2154 fertiggestellt auf der Festplatte habe. Es ist immer noch nicht gut genug, um es zu ver\u00f6ffentlichen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbUnd da hast Du die Romane aufgegeben?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbPustekuchen. Ich hab noch einen in der Mache. Allerdings ist die Handlung in ca. der Mitte des Buches, d.h. an dem Punkt an dem ich jetzt angelangt bin, etwas z\u00e4h.\u00ab<br \/>\n\u00bbDu hast keine Idee, wie es weitergeht?\u00ab \u00bbDoch, ich wei\u00df genau wie es endet aber nicht, wie ich dahin komme.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbBl\u00f6d\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu sagst es.\u00ab<\/p>\n<h1>Sport und ich auf getrennten Wegen<\/h1>\n<p>Winter sagte: \u00bbWas war das mit Dir und Sport?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch bin so gelenkig wie eine Eisenbahnschiene und habe so viel Treffsicherheit, wie eine Sprenkleranlage. Leider sind meine Eltern wesentlich talentierter und kamen auf die Idee, dass der Junge unbedingt in dem mitgegr\u00fcndeten Tennisverein den wei\u00dfen Sport lernen musste.<br \/>\nDas Ende vom Lied war, dass ich sieben Jahre Tennis gespielt habe. Alles nat\u00fcrlich mit eher ern\u00fcchternden Erfolgen. Nach sieben Jahren Anf\u00e4ngerkurs wurde ich von einem Typ unterrichtet, der mit mir angefangen hatte. Zum Gl\u00fcck war dieser Trainer so gn\u00e4dig meinem Vater darum zu bitten, nie wieder Geld in mein Training zu investieren. Ich glaub der Kerl hat damals dabei geheult.<br \/>\nMeine erste Tr\u00e4nerin hielt mich schon f\u00fcr ein Unikat. Sie sagte zu meinen Eltern, dass sie noch nie einen Sch\u00fcler gehabt hatte, der nach nur zwei Minuten fragt, wann denn endlich Schluss w\u00e4re.\u00ab<br \/>\nWinter sah an mir hinab und sagte: \u00bbSport w\u00fcrde Dir sicherlich nicht schaden.\u00ab<br \/>\nIch beachtete ihre Beleidigung einfach nicht und sagte: \u00bbDas Einzige was ich gerne machte, war Schwimmen und Skifahren. Allerdings immer darauf bedacht, nicht allzu sehr zu schwitzen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas war beim Schwimmen sicherlich schwierig.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbTanzen fand ich auch immer gut. Mein Tanzlehrer sagte immer zu mir: \u203aJunge Du hast den Rhythmus im Blut &#8211; aber wisch es bitte hinterher von der Tanzfl\u00e4che, bevor jemand ausrutscht.\u00ab<br \/>\nWinter verdrehte nur die Augen.<\/p>\n<h1>Gemeine Heldin<\/h1>\n<p>Diesmal hatte ich Sie da, wo ich sie haben wollte. Sie wich mir mit ihren Augen aus. Das eigene, nicht ausgesprochene und trotzdem bindende Versprechen, lie\u00df sie z\u00f6gern.<br \/>\nSie sah auf den Boden und sagte: \u00bbWarum interessiert Dich die alte Geschichte eigentlich so?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbHerbst erz\u00e4hlte mir von dem Verbrechen, welches er f\u00fcr das vielleicht interessanteste hielt, was er bearbeitet hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du nicht neugierig warst, wer der T\u00e4ter war.\u00ab<br \/>\nWinter zuckte mit den Achsen und sah an die Decke. Sie sagte: \u00bbK\u00f6nnen wir uns nicht \u00fcber andere Dinge unterhalten?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe Dir von mir erz\u00e4hlt und Du bist jetzt dran.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbEs gibt der Sache kaum etwas hinzuzuf\u00fcgen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu hast den Fall nicht gel\u00f6st?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDer R\u00e4uber und die alte Frau hatten zusammen einen Sohn. Wir haben das durch DNA Spuren belegen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich musste der Sohn der M\u00f6rder der Alten gewesen sein.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbKonntet ihr ihn einsperren?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbEr hatte den R\u00e4uber kurz vor dessen Tod im Gef\u00e4ngnis besucht. Das f\u00fchrte uns erst einmal auf seine Spur. Die Alte hatte das Kind nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Interessant war, dass das Opfer des Raubmordes, bei dem der Diamant verschwand, der Ehemann der Alten gewesen war.<br \/>\nAnscheinend hatte sie die R\u00e4uber angagiert, um ihren Mann aus dem Weg zu schaffen. Verwunderlich war nur, dass die R\u00e4uber die Frau nicht verpfiffen hatten. Anscheinend lag das an der Beute oder an dem Sohn.<br \/>\nF\u00fcr mich war die Dame auf jeden Fall eine Art Held. Sie hatte den Geliebten und den Ehemann gleichzeitig entsorgt und war damit sogar durchgekommen. H\u00f6chst bemerkenswert.\u00ab<\/p>\n<h1>Geheime S\u00f6hne<\/h1>\n<p>Ich sagte: \u00bbWas war mit dem Sohn?\u00ab<br \/>\nWinter zuckte erneut mit den Achseln und sagte: \u00bbWir haben ihn nicht finden k\u00f6nnen. Es war ein totaler Reinfall.<br \/>\nAllerdings konnten wir noch nicht einmal sicher belegen, wer dieser Sohn \u00fcberhaupt war. Beim Besuch bei seinem leiblichen Vater hatte er einen gef\u00e4lschten Ausweis vorgelegt. Wir konnten allerdings DNA Spuren nachweisen, auf einem Glas, welches er benutzt hat. Bilder hatten wir keine. Der Kerl wusste genau wo die Kameras hingen.<br \/>\nAu\u00dferdem haben wir Spuren im Haus der alten Frau nachgewiesen, die sich mit den ersten Spuren deckten.\u00ab<br \/>\nIch sah sie erstaunt an und sagte: \u00bbWaschen die ihre Gl\u00e4ser nicht so oft in der JVA?\u00ab<br \/>\nWinter lachte und sagte: \u00bbNachdem man festgestellt hatte, dass der Ausweis gef\u00e4lscht war, hat man das Glas sichergestellt.\u00ab<br \/>\nIch nickte und sagte: \u00bbUnd in der Wohnung?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbAuch ein Glas. Ich wei\u00df nicht, warum der Kerl \u00fcberall etwas trinken musste.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs h\u00e4tte also Jeder seien k\u00f6nnen?\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbV\u00f6llig unm\u00f6glich zu l\u00f6sen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu hast es trotzdem versucht und es ist Dir nicht gelungen. Deshalb wolltest Du mir nichts davon erz\u00e4hlen.\u00ab<br \/>\nWinter nickte erneut und sah mich an. Zorn blitzte in ihren Augen. Sie zischte zwischen den Z\u00e4hnen hindurch, w\u00e4hrend sie sagte: \u00bbIch musste den Fall an meine Schwester weitergeben. Vielleicht wei\u00df sie ja mehr dar\u00fcber.\u00ab<br \/>\nIch nickte und l\u00e4chelte. Also hatte ich schon einmal etwas, worauf ich mich freuen konnte.<\/p>\n<h1>Die Reise<\/h1>\n<p>Heute war der Besuch von Winter sehr merkw\u00fcrdig. Sie war nicht ganz bei der Sache und wirkte, als h\u00e4tte sie irgendetwas Wichtiges verlegt und wusste nicht genau, was es war.<br \/>\nZun\u00e4chst sah sie mich gar nicht an. Immer wieder ging sie im Zimmer hin und her. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass sie mit den Z\u00e4hnen knirschte.<br \/>\nDann sah sie mich unvermittelt an und sagte: \u00bbJunge, die Welt geht vor die Hunde.\u00ab<br \/>\nIch nickte und sagte: \u00bbKomische Erkenntnis, aber sie ist mir nicht fremd.\u00ab<br \/>\nAuf dem Platz stehend, drehte sie sich auf dem Absatz um und ging erneut von der einen in die andere Ecke.<br \/>\nDa ich glaubte, dass sie das von mir verlangte, sagte ich: \u00bbWas meinst Du damit?\u00ab<br \/>\nSie sah kurz auf, blickte dann jedoch auf den Boden und sagte: \u00bbIch muss meine Mutter besuchen. Dazu habe ich wirklich keine Lust.<br \/>\nEs ist jetzt schon einige Jahre her, dass ich da war, aber Du kannst mir glauben, es war nicht besonders lustig.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbNa toll. Dann sehen wir uns wohl eine ganze Zeit nicht?\u00ab<br \/>\nDie Hoffnung keimte in mir auf, wie eine Pusteblume, die durch den Beton gebrochen war. Leider war es der Stra\u00dfenbelag einer vielbefahrene Hauptstra\u00dfe und Winter ein LKW mit Sattelschlepper der gerade in meine Richtung donnerte.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu kommst nat\u00fcrlich mit.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWomit hat ich diese Ehre verdient.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch hab keine Lust alleine zu reisen und deshalb wirst Du meine Koffer schleppen d\u00fcrfen.\u00ab<br \/>\nAm liebsten h\u00e4tte ich mir auf der Stelle in den Fu\u00df geschossen. Leider war keine Waffe griffbereit. Widerwillig willigte ich ein. Welcher Mensch hat sonst noch die Gelegenheit die Erde kennenzulernen?<br \/>\nWinter stand tats\u00e4chlich neben meinem Bett, als ich heute aufwachte.<br \/>\nSie sah mich \u00fcber ihre Brillengl\u00e4ser an, als h\u00e4tte sie im Biologieunterricht gerade einen Frosch aufgeschnitten und betrachtete gerade sein noch schlagendes Herz. F\u00fcr eine Sekunde erwartete ich, ein \u00bbH\u00f6chst interessant\u00ab von ihr zu h\u00f6ren. Kombiniert mit einer vereinzelten hochgezogenen Augenbraue, h\u00e4tte es mich nicht verwundert.<br \/>\nSie sagte jedoch: \u00bbJunge &#8211; wenn Du ausgeschlafen hast, k\u00f6nnten wir endlich los.\u00ab<br \/>\nIch streckte meine Arme vom K\u00f6rper und g\u00e4hnte. Dann sagte ich: \u00bbIrgendwie hab ich das Gef\u00fchl verarscht zu werden.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDagegen kann man was tun. Interessiert mich jetzt allerdings nicht, wer Dich verarschen will &#8211; wir m\u00fcssen los!\u00ab<br \/>\nDabei streckte sie mir meine Hose, gehalten an zwei spitzen Fingern, entgegen und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas machst Du eigentlich in meinem Schlafzimmer? Du weckst noch meine Frau!\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbAch komm schon &#8211; ich bin leise. Du solltest hingegen nicht so viel L\u00e4rm machen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas willst Du hier?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbHatte ich Dir doch gerade erkl\u00e4rt. Wir m\u00fcssen los.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWarte einfach im Flur auf mich. Ich muss mich noch duschen und anziehen. Ich bezweifle, dass Du mir dabei zugucken willst.\u00ab<br \/>\nF\u00fcr eine Sekunde z\u00f6gerte sie. Dann zog sie die Oberlippe hoch und legte die Stirn in Falten. Solche Reaktionen hatte ich bisher nur an Frauen beobachtet, die gerade eine Ratte unter einem Tisch ihres Lieblings-Caf\u00e9s gesehen hatten.<br \/>\nEine halbe Stunde sp\u00e4ter &#8211; ich pflege in der Regel sehr ausgiebig zu duschen &#8211; stand ich bei Winter im Flur und sagte: \u00bbWas sollte ich anziehen?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDa wo wir hingehen, ist es im Grunde v\u00f6llig egal, was Du anziehst.\u00ab<br \/>\nIch blickte sie fragend an, was dazu f\u00fchrte, dass sie den Kopf sch\u00fcttelte und sagte: \u00bbEgal was Du anziehst, es wird auf jeden Fall unpassend sein.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs kann doch nicht so schwer sein, sich auf Mutter Erde einzustellen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMutter Erde hat kein Lieblingswetter. Wenn sie will, kann es in einer Sekunde schneien und in der anderen die Sonne knallen. Das ist von ihrer Laune abh\u00e4ngig und die ist im Moment eher durchwachsen.\u00ab<br \/>\nIch nickte und sagte: \u00bbAlso Regenschirm, Gummistiefel und Sonnencreme.\u00ab<br \/>\nWinter nickte. Dann sagte sie: \u00bbJunge, nimm einen warmen Mantel mit. Man wei\u00df ja nie. Au\u00dferdem solltest Du etwas zu Essen mitnehmen.\u00ab<br \/>\n\u00dcberrascht sah ich sie an und sagte: \u00bbWie lange wird die Reise denn dauern?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas kann ich Dir nicht sagen. Ich war schon lange nicht da und bin mir nicht sicher, dass ich meine Mutter auf Anhieb finde.\u00ab<br \/>\nDas klang so, als w\u00fcrden wir eine zierliche Person in einem \u00fcberf\u00fcllten Stadion bei dem Event: \u203aTreffen der gr\u00f6\u00dften Menschen der Welt\u2039 suchen. Winter sah irgendwie pessimistisch aus.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWarum muss man die Erde suchen? Wir bewegen uns doch auf ihr.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbSie ist \u00fcberall &#8211; kein Wunder, dass sie niemand findet.\u00ab<br \/>\nWir sa\u00dfen mittlerweile eine Dreiviertelstunde im Zug, dessen Ziel ich nicht gesehen hatte. Winter hatte mich am Bahnhof in den, aus meiner Sicht, erstbesten Wagen geschoben, der ihr in die Quere kam.<br \/>\nDer Schaffner war mehrmals an unserem Abteil vorbeigeeilt und ich hatte dabei immer Blut und Wasser geschwitzt. Ich hatte mich nicht um die Fahrkarten k\u00fcmmern k\u00f6nnen, und soweit ich Winter kannte, w\u00fcrde sie niemals welche kaufen.<br \/>\nWinter sah mir unger\u00fchrt zu, w\u00e4hrend ich mich panisch nach der Fahrkartenkontrolle umsah. Sie sagte: \u00bbAuf was wartest Du?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs liegt mir nicht so, etwas Verbotenes zu tun.\u00ab<br \/>\nIhre Stirn zeigte eine bemerkenswerte Wellenbewegung, was anscheinend ihrer \u00dcberraschung geschuldet war. Sie sagte: \u00bbDu scheinst niemand zu sein, der die Gefahr sucht.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbRisiko ist die eine Sache &#8211; etwas zu tun, was gegen Gesetzte verst\u00f6\u00dft, ist die andere.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu geh\u00f6rst wahrscheinlich auch zu den Idioten, die auf ihre Platzreservierung im Kino bestehen, obwohl Zweidrittel aller Pl\u00e4tze frei sind.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSoweit w\u00fcrde ich nicht gehen. Aber auch bei besseren freien Pl\u00e4tzen, w\u00fcrde ich mich immer auf den reservierten setzen.\u00ab<br \/>\nWinter verdrehte die Augen, so dass man nur das Wei\u00dfe sah. Dann sagte sie: \u00bbUnd warum bist Du jetzt panisch, mein Junge?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWir haben doch keine Fahrkarten.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch hab die Bahncard und Du kannst mitfahren. Also beruhig Dich wieder, Du Weichei und versuch etwas zu entspannen. Ich kann Dir beim besten Willen nicht sagen, wann wir aussteigen m\u00fcssen.\u00ab<br \/>\nErleichtert lehnte ich mich zur\u00fcck und war im n\u00e4chsten Augenblick eingeschlafen.<br \/>\nAls der Zug an einem Bahnhof hielt, wachte ich auf. Winter hatte mich \u00fcber ihre Brille hinweg fixiert und sah mich neugierig an.<br \/>\nIch sagte: \u201eWas wollen wir \u00fcberhaupt von Deiner Mutter?\u201c<br \/>\nWinter zuckte zusammen, als h\u00e4tte sie nicht damit gerechnet, dass ich so schnell zu einem Gespr\u00e4ch f\u00e4hig war. Sie sagte: \u201eSoweit ich wei\u00df, geht es ihr nicht so gut. Ich wollte sie besuchen.\u201c<br \/>\nIch sagte: \u201eWas hat sie denn?\u201c<br \/>\nWinter lachte heiser und ohne Humor auf und sagte: \u201eDas ist doch offensichtlich. Sie hat Fieber.\u201c<br \/>\nIch sagte: \u201eIch dachte, die Klimakonferenz h\u00e4tte das Problem in den Griff bekommen.\u201c<br \/>\nSie sagte: \u201eDie Einigung auf unter 2 \u00b0C ist ungef\u00e4hr so wirksam, wie wenn man zu bremsen beschlie\u00dft, wenn einem auf der Autobahn ein Lastwagen frontal mit 180 km\/h entgegenkommt.\u201c<br \/>\nIch sagte: \u201eDu meinst, dass die Katastrophe nicht mehr abwendbar ist?\u201c<br \/>\nSie sagte: \u201eDie Autos werden immer besser. Heute hat man Airbags und Knautschzonen. Vielleicht habt ihr ja Gl\u00fcck und \u00fcberlebt es.\u201c<br \/>\nIch sagte: \u201eWollen wir uns jetzt tats\u00e4chlich \u00fcber den Umweltschutz unterhalten? Meinst Du nicht, dass das meine Leser langweilt?\u201c<br \/>\nSie sagte: \u201eDu schreibst tats\u00e4chlich \u00fcber das, was Dir hier passiert? Du solltest es lassen. Ein Bericht dar\u00fcber, dass Du Dich mit Jahreszeiten unterh\u00e4ltst, kann Dich schneller in eine geschlossene Abteilung bringen, als Dir lieb ist.\u201c<br \/>\nAn dieser Stelle musste ich nachdenklich nicken. Vielleicht kein schlechter Einwand.<br \/>\nIch sagte: \u00bbSag mal, wann kommen wir an? Mir kommt es vor, als w\u00e4ren wir eine Ewigkeit unterwegs.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbEigentlich mag ich keine Kinder, genau wegen diesen Fragen. Mein Junge, Du scheinst eine \u00e4hnliche Tendenz zu haben.\u00ab<br \/>\nAnscheinend sah Winter in mir ein Kind. Es sollte mich gar nicht \u00fcberraschen. Schlie\u00dflich nannte sie mich Junge.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWusste nicht, dass Du Kinder besonders hasst. Bisher dachte ich, Du w\u00fcrdest alle Menschen gleich viel hassen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMach ich auch. Da gibt es kaum Unterschiede. Egal wie alt ihr seid, ihr seit immer nervig.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbUnd was ist dann mit Kinder?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbSchau Dir das doch mal an. Sie krabbeln \u00fcberall hin, die meisten Eltern wissen nicht, wie man mit ihnen umgeht und dauernd geht etwas kaputt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas geh\u00f6rt dazu. Kinder lernen, wenn sie etwas machen. So funktioniert das alles. Sicherlich hattest Du noch nie Kinder.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu kannst Dir nicht vorstellen, wie viele ich habe. Da ist einmal mein Sohn, der nach Sibirien ausgezogen ist. Man nennt ihn da V\u00e4terchen Frost.\u00ab<br \/>\nDiese Information musste ich erst einmal verdauen. Diese ganzen Mythen gingen zur\u00fcck auf die Kinder der Jahreszeiten? Als N\u00e4chstes erz\u00e4hlte sie mir noch, dass der Weihnachtsmann von ihr abstammt.<br \/>\nAuf die Frage nach ihm sch\u00fcttelte Winter jedoch nur den Kopf. Der w\u00e4re definitiv nicht mit ihr verwandt.<br \/>\nIrgendwie beruhigte mich der Gedanke.<br \/>\nDrau\u00dfen sah ich Schnee liegen, der zu beiden Seiten der Bahnstrecke einen halben Meter aufget\u00fcrmt stand. Dahinter sah ich ein Bergmassiv.<br \/>\nDen Wechsel in der Landschaft hatte ich nicht mitbekommen. Wahrscheinlich war ich so sehr in das Gespr\u00e4ch mit Winter vertieft, dass ich die Ver\u00e4nderungen verpasst hatte. F\u00fcr einen Augenblick besch\u00e4ftigte mich die Frage: Wie kommt man aus dem Flachland ganz pl\u00f6tzlich in die Berge, ohne es zu bemerken?<br \/>\nIch sah Winter an und sagte: \u00bbWo sind wir jetzt?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbJetzt kommt die Neugierde zu Deinen negativen Eigenschaften hinzu.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu sammelst doch sowieso gerade &#8211; kleb&#8216; Dir die Eigenschaft einfach in das Sammelheftchen. Au\u00dferdem bin ich nicht neugierig, ich will nur alles wissen. Da besteht ein Unterschied.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch halte Dich auch nicht f\u00fcr dumm, sondern lediglich f\u00fcr sehr unterbelichtet. Da besteht ebenfalls ein Unterschied.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSag mir noch einmal, warum Du mich mitgenommen hast.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbReisen alleine machen mich immer depressiv. Deine Begleitung gibt mir das st\u00e4ndige Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit.\u00ab<br \/>\nEs hatte wenig Sinn, mit ihr weiter zu streiten. Langsam sch\u00fcttelte ich den Kopf und sagte: \u00bbMeine Frage hast Du mir nicht beantwortet. Wo sind wir jetzt?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbSiehst Du das schmucke Schloss auf dem H\u00fcgel da dr\u00fcben?\u00ab<br \/>\nIch nickte. Pl\u00f6tzlich griff Winter nach ihrer Jacke und zog sich hoch. Gleichzeitig ruckelte der Zug und hielt unvermittelt an.<br \/>\nSie sah mich an und sagte: \u00bbDas ist unsere erste Station. Wir m\u00fcssen hier raus.\u00ab<br \/>\nDas Geb\u00e4ude \u00fcberschattete uns, wie ein Raubvogel seine Beute. Die Sonne stand so tief \u00fcber den Bergen, dass sich die Umrisse der Burg tief schwarz gegen den rotgoldenen Horizont abhoben.<br \/>\nZum Gl\u00fcck war der Weg nicht weit.<br \/>\nWinter schwieg die gesamte Strecke. Sie wirkte angespannt und abwesend. Ihre langen Schritte, hinterlie\u00dfen eine Spur im Schnee, durch die ich ihr m\u00fchelos folgte.<br \/>\nErst am Eingang blieb sie stehen und sagte: \u00bbIch bin mir nicht sicher. Das Schloss scheint verlassen. Vielleicht hat sich meine Mutter ja zu einem ihrer anderen Wohnorte begeben.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWir sollten wenigstens nachsehen.\u00ab<br \/>\nWinter nickte. Dass so etwas meine Worte ausl\u00f6sen konnten, h\u00e4tte ich nie zu hoffen gewagt. Bisher hatte ich immer nur Kopfsch\u00fctteln geerntet.<br \/>\nAn der Pforte, die so gro\u00df war, dass ein Gespann mit vier Pferden die eine Postkutsche zogen m\u00fchelos hindurchgepasste, hang ein eiserner Ring, den Winter hochhob, um ihn anschlie\u00dfend fallen zu lassen. Der L\u00e4rm, der entstand, l\u00f6ste in den Bergen wahrscheinlich mehrere Lawinen aus.<br \/>\nDanach blieb sie wartend stehen. Als nach ca. 10 Sekunden nichts geschah, drehte sie sich um und sagte: \u00bbWie ich sagte &#8211; keiner da! Wir gehen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn das Tor schon so gro\u00df ist, braucht man l\u00e4nger um dahin zu kommen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWir sollten weiter.\u00ab<br \/>\nIn dieser Sekunde schwang der Torfl\u00fcgel auf. Hinter ihm konnte ich eine einsame Fackel sehen. Wer ge\u00f6ffnet hatte, war jedoch nicht zu erkennen.<br \/>\nMit den Augen rollend drehte sich Winter um.<br \/>\nHinter der Pforte stand niemand. Winte durchquerte den Innenhof und \u00f6ffnete eine T\u00fcr, hinter der ich ein Feuer brennen sah.<br \/>\nMeine Neugierde zwang mich dazu, nach dem Eintritt in den Innenhof stehen zu bleiben, um mich nach dem Mechanismus, der die Tore ge\u00f6ffnet hatte, umzudrehen. Erwartet hatte ich schwere Ketten oder andere Mechanik. Zu erkennen war, im Schein der einsamen Fackel, hingegen nichts. Zumindest auf den ersten Blick konnte ich nichts erkennen.<br \/>\nDie T\u00fcr durch die Winter gerade gegangen war, fiel mit einem Knall ins Schloss.<br \/>\nMeine H\u00e4nde wanderten \u00fcber die Wand hinter den Toren. Es war alles glatt. Wie konnten diese Tore von allein aufgehen?<br \/>\nIrgendwie erinnerte mich das Geschehen an den Roman \u00bbDracula\u00ab. Misstrauisch erwartete ich, dass eine zwielichtige Gestalt aus den Schatten treten w\u00fcrde. Wo hatte mich Winter hineingezogen? War Winter hierher gekommen um mir das Blut auszusaugen?<br \/>\nDie T\u00fcr \u00f6ffnete sich erneut und Winter sagte: &#8222;Kommst Du jetzt? Ich hab schon Schnecken gesehen, die schneller waren als Du. Vielleicht lag das daran, dass ich sie \u00fcber Nacht an einen Sportwagen festgefroren hatte, aber das spielt hier keine Rolle. Komm endlich.&#8220;<br \/>\nAls ich in den Raum trat, stand sie am Feuer und blickte in die Flammen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas passiert jetzt?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWir warten noch ein paar Minuten auf das Empfangskomitee.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIrgendwie gef\u00e4llt es mir hier nicht. Sie scheinen hier nicht wirklich auf G\u00e4ste vorbereitet zu sein.\u00ab<br \/>\nWinter lachte. Es klang in dieser Stube nicht wirklich freundlich. Mein Magen drehte sich. Eigentlich w\u00e4re ich lieber zu Hause geblieben.<br \/>\nWinter lie\u00df sich in einen Sessel fallen, der nahe am offenen Feuer stand. Ich setzte mich in den danebenstehenden Sessel und blickte sie \u00fcber einen kleinen Beistelltisch hinweg fragend an.<br \/>\nSie sagte: \u00bbMein Junge, glaubst Du an das \u00dcbernat\u00fcrliche? Dinge, die wir nicht begreifen und fassen k\u00f6nnen?\u00ab<br \/>\nIch sch\u00fcttelt den Kopf und nickte anschlie\u00dfend. Dann sagte ich: \u00bbAn das eine nein, an das andere ja.\u00ab<br \/>\nSie sah mich kurz an, bevor sie sich erneut auf das Feuer konzentrierte. Abgekehrt und kopfsch\u00fcttelnd sagte sie: \u00bbWas meinst Du damit?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMein Glaube an das \u00dcbernat\u00fcrlich ist eher marginal, wenn \u00fcberhaupt vorhanden. Allerdings wei\u00df ich, dass es Dinge gibt, die ich nicht verstehe oder fassen kann. Da k\u00f6nnen wir gleich mit der allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie anfangen. Von Superstrings, die in mehr als eine Handvoll Dimensionen schwingen, m\u00f6chte ich jetzt gar nicht anfangen. Und Russisch verstehe ich auch nicht.\u00ab<br \/>\nDiesmal bekam ich nur das vertraute Kopfsch\u00fctteln und Winter sagte: \u00bbWir Jahreszeiten sind \u00fcbernat\u00fcrliche Wesen. Wir k\u00f6nnen Dinge machen, die ihr nicht begreifen k\u00f6nnt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbUnd das hier ist Hogwarts und Du bist hier zur Schule gegangen?\u00ab<br \/>\nDiesmal sah sie mich an, w\u00e4hrend sie sagte: \u00bbMach Dich nicht l\u00e4cherlich. Kann sein, dass Hogwart diesen Schuppen hier als Vorbild hatte, aber dies hier ist alles andere als eine Schule.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWahscheinlich liegt das an dem d\u00fcrftigen Lehrpersonal. Ich glaub trotzdem nicht an Magie.\u00ab<br \/>\nKaum merklich erhob sie die Achseln und sagte: \u00bbDann lass es einfach.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbAufgrund meiner Ausbildung als Chemiker bin ich mir sicher, dass alle Dinge wissenschaftlich herleitbar sind. Sicherlich gibt es viele Bereiche, die wir noch nicht begreifen. Meist reichen daf\u00fcr unsere Sinne nicht aus. Aber mathematisch lassen sich diese Sachen trotzdem herleiten.\u00ab<br \/>\nWinter legte die Stirn in Falten. Sie sagte: \u00bbDu begrenzt das Universum auf ein paar Regeln?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbTut es das nicht von selbst? Alles was uns umgibt, ist mit den Grundlagen der Thermodynamik zu erkl\u00e4ren. Enthalpie und Entropie bestimmen alle Aktionen und Reaktionen. Sie sind der Ursprung aller Handlung.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbChaos und Ordnung, schwarz und wei\u00df &#8211; ist das nicht zu einfach?\u00ab<br \/>\nIch musst unwillk\u00fcrlich lachen. Als ich mich beruhigt hatte, sagte ich: \u00bbEnthalpie und Entropie sind mehr als Gut und B\u00f6se. Au\u00dferdem braucht man beide, damit etwas passiert.<br \/>\nAber wenn Du es tats\u00e4chlich darauf runterbrechen m\u00f6chtest, dann sag ich ja.\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte erneut den Kopf. Sie sagte: \u00bbDann \u00fcberrascht es mich, dass Du nicht religi\u00f6s bist.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWir unterscheiden immer zwischen zwei Extremen. Dabei m\u00fcssen beide zusammenkommen. Es ist Teamwork.<br \/>\nSieh Dich einmal um. Enthalpie &#8211; die Kraft, der Ruhe und Energielosigkeit &#8211; w\u00fcrde lediglich erlauben, dass das Universum als einzelner Klumpen inerter Materie rumgammeln w\u00fcrde. Die Entropie &#8211; die Kraft, des Chaos &#8211; w\u00fcrde winzige Teilchen durch den unendlichen Raum treiben.<br \/>\nArbeiten beide zusammen, dann entstehen das Leben und der ganze andere Rest.\u00ab<br \/>\nWinter l\u00e4chelte: \u00bbGut und B\u00f6se m\u00fcssen zusammenarbeiten?\u00ab<br \/>\nIch nickte und sagte: \u00bbJa, in einem Gleichgewicht. Ich w\u00fcrde sie allerdings nicht Gut und B\u00f6se nennen. Das sind nur Konzepte mit denen die Menschheit sich die Realit\u00e4t erkl\u00e4ren wollen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWie erkl\u00e4rst Du Dir die Magie der Jahreszeiten?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbErdrotation, Rotation um die Sonne und die geneigte Erdachse sind doch keine Magie.\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf. Sie sagte: \u00bbSchau Dich um. Du bist an einem Ort der Magie. Au\u00dferhalb Deiner normalen Welt. Weitab von dem, was Du bisher kennst.\u00ab<br \/>\nIch zuckte mit den Achseln und sagte: \u00bbWir sind wahrscheinlich nur in einer weiteren Dimension oder irgendwo von der Zeitachse falsch abgebogen.\u00ab<br \/>\nDann l\u00e4chelte ich, weil ich an einen meiner Professoren denken musste.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWir hatten einen Professor im Studium, der sich mathematisch an der Schr\u00f6dinger-Gleichung vergangen hat. Das ist eine dieser Gleichungen, f\u00fcr die es keine echte L\u00f6sung gibt, da einem das Gesetz der Unsch\u00e4rferelation weniger sprichw\u00f6rtlich einen Strich durch die Rechnung macht.<br \/>\nEr fand allerdings doch einen Weg die Formel zu knacken. Er musst die Zeit nur als mehrdimensionale Variable in die Gleichung einflie\u00dfen lassen. Nat\u00fcrlich habe ich nicht nachgerechnet, aber die Sache hat einen logischen Haken.\u00ab<br \/>\nWinter g\u00e4hnte ausgiebig. Das war eins der Zeichen, dass ich mal wieder zu viel Wissenschaft auf meine Zuh\u00f6rer losgelassen hatte. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass ich fast jedes Lebewesen mit diesem Thema in den Schlaf wiegen kann. Trotzdem wollte ich mich nicht ablenken lassen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEine mehrdimensionale Zeit erlaubt, dass man an zwei Punkten zur gleichen Zeit ist. Gleichzeitig wird ein Transport von Materie von einem Punkt zum n\u00e4chsten, ohne dass dabei Zeit vergeht, theoretisch m\u00f6glich. Wir sprechen hier vom Beamen &#8211; Mathematisch kein Problem.\u00ab<br \/>\nWinters Augen sahen mich schl\u00e4frig an. Sie sagte: \u00bbDenk doch was Du willst. Aber sag mir hinterher bitte nicht, dass ich Dein Weltbild gest\u00f6rt h\u00e4tte.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch glaube nicht, dass Du das schaffst.\u00ab<br \/>\nEine schwere Holzt\u00fcr \u00f6ffnete sich und ein Mann trat herein. Er hatte wei\u00dfe, lange Haare, die er sich adrett nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Insgesamt hatte die Erscheinung etwas von den Typen, die geistig und k\u00f6rperlich in den 70gern h\u00e4ngengeblieben waren.<br \/>\nIch sagte zu Winter: \u00bbOh Prima, Dumbledore ist da! Anscheinend hat er uns endlich gefunden.\u00ab<br \/>\nWinter verdrehte ihre Augen und erhob sich vom Sessel. Etwas leiser, so dass uns der Hipster-Opa nicht h\u00f6ren konnte, sagte sie: \u00bbHabe etwas mehr Respekt vor dem Alter.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn er das auch hat, dann werde ich mein M\u00f6glichstes tun.\u00ab<br \/>\nEin schwaches Grinsen konnte ich hingegen nicht unterdr\u00fccken. Es war mir immer ein Vergn\u00fcgen Winter zu \u00e4rgern. Dieser Besuch in dem alten Schloss konnte man anscheinend prima dazu nutzen.<br \/>\nDer coole Greis sagte Hallo und ich h\u00e4tte fast laut gekichert, als ich eine Sonnenbrille oberhalb seiner Stirn erblickte.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbBitte entschuldige meine Begleitung. Ich hatte nicht gedacht, dass er sich so daneben benimmt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas hier entspricht wirklich jedem Klischee. Altes Schloss, alter Mann &#8211; womit muss ich noch rechnen?\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte energischer das Haupt und machte mir mit einer Handbewegung klar, dass ich jetzt ruhig seien sollte.<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch suche meine Mutter Gaia. Ist sie hier?\u00ab<br \/>\nDer Alte sagte: \u00bbSie ist vor ein paar Tagen aufgebrochen. Ich hatte ihr noch gesagt, sie solle besser hierbleiben &#8211; es ging ihr wirklich nicht gut &#8211; aber sie lie\u00df sich nichts sagen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWenn Du sie vor mir triffst, dann richte ihr bitte aus, dass ich nach ihr suche.\u00ab<br \/>\nDer Alte nickte und Winter drehte sich um.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWir sollten zur\u00fcck zum Zug. Hoffentlich finden wir meine Mutter in einer ihrer anderen Wohnungen.\u00ab<br \/>\nIm Zug angekommen fragte mich Winter, welche Art von Musik ich bevorzugen w\u00fcrde. Ich sagte, dass ich sehr gerne Rock-Musik h\u00f6re. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zur\u00fcck und schmunzelte.<br \/>\nIrgendwie hatte sie ihre Selbstgef\u00e4lligkeit und nat\u00fcrliche Arroganz zur\u00fcckgewonnen, die sie vorher kurzzeitig verloren hatte.<br \/>\nNat\u00fcrlich wollte ich nicht so schnell vor die neue Wand laufen, die sie um sich aufgebaut hatte. Diese Wand w\u00fcrde selbst eine Dampfwalze nicht zum Einsturz bringen und mein Wunsch nach einer blutenden Nase war f\u00fcrs Erste gedeckt.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWarum hat der Zug \u00fcberhaupt f\u00fcr uns gehalten? H\u00e4tte er nicht schon losfahren m\u00fcssen?\u00ab<br \/>\nWinter lie\u00df ihre Augen irgendwo \u00fcber meinem Kopf verweilen und sagte: \u00bbJede andere Musik h\u00e4tte mich jetzt \u00fcberrascht. Du bist sowieso der Soft-Rock-Typ.\u00ab<br \/>\nIch biss die Z\u00e4hne zusammen und ballte die H\u00e4nde zu F\u00e4usten. Diese menschgewordene Pfeile schien sich durch alle meine Nerven zu hobeln. Noch hatte ich nicht das Pfeil-Fett gefunden, die sie stumpf werden lie\u00df.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich dachte ich an h\u00e4rtere Musik oder sogar Gothik. Au\u00dferdem h\u00f6re ich Hip-Hop und Pop Musik. So gut wie alles was kommt, aber vorzugsweise harte Rockmusik.\u00ab<br \/>\nSie l\u00e4chelte weiter und schwieg.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas ist denn jetzt mit dem Zug?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbAlle R\u00e4der stehen still, wenn die liebe Winter das so will. Du kennst doch die Bahn. Die f\u00e4hrt nur zwischen 5 und 20 Grad. Alle anderen Temperaturen verkraften die Klimaanlagen nicht.\u00ab<br \/>\nWinter blickte weiter in die Landschaft, als w\u00e4re sie auf der Fahrt v\u00f6llig alleine. Ein paar Stunden machte mir das nichts aus, da ich meine eigenen Gedanken sortierte.<br \/>\nDas Schloss hatte viele komische Emotionen in mir geweckt. Au\u00dferdem nagte an mir die Frage, ob es nicht doch etwas Magisches, au\u00dferhalb der wissenschaftlichen Welt geben k\u00f6nnte.<br \/>\nNachdem ich diese Gedanken zur\u00fcckgedr\u00e4ngt hatte, sah ich Winter dabei zu, wie sie mit eingefrorenem Blick vorw\u00e4rts guckte. Sie erinnerte mich ein wenig an einen ausgeschalteten Computer. Ihre Augen schienen sich auf etwas au\u00dferhalb ihres Blickfeldes fixiert zu haben.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich w\u00e4re es doch ideal, wenn wir alle wesentlich oberfl\u00e4chlicher w\u00e4ren.\u00ab<br \/>\nWinter kam in die Realit\u00e4t zur\u00fcck, wie ein altes Motorrad mit Fehlz\u00fcndungen. Sie sah mich fragend an und sagte: \u00bbWas meinst Du denn jetzt damit?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbStell Dir vor, Du h\u00e4ttest nur das eine Problem &#8211; \u203aWelcher Lippenstift passt zu den Schuhen?\u2039. W\u00e4re das nicht gro\u00dfartig?\u00ab<br \/>\nWinter sah mich immer noch so an, als h\u00e4tte man sie gerade aus einem 7 monatlichen Schlaf, mit einer Ohrfeige geweckt.<br \/>\nIch sagte: \u00bbAls Mann h\u00e4tte ich nur das Problem &#8211; \u203aWird meine Fu\u00dfballmannschaft siegen?\u2039. Diese riesigen Herausforderungen sind ganz leicht zu befriedigen und man w\u00e4re fast st\u00e4ndig gl\u00fccklich.\u00ab<br \/>\nWinter zuckte mit den Schultern und sagte: \u00bbDas klingt eigentlich sehr vern\u00fcnftig. Ich bin mir sicher, dass Du auf dem besten Weg dahin bis. Wenn Du es erreicht hast, dann sag mir bitte Bescheid. Ich werde Dich dann aus dem Fenster werfen, sobald der Zug \u00fcber eine hohe Br\u00fccke f\u00e4hrt. Keine Angst ich achte darauf, dass unter der Br\u00fccke kein Fluss ist. Wir wollen doch beide nicht, dass Du Dich nassmachst.\u00ab<br \/>\nDann drehte sie sich erneut weg und verstummte.<br \/>\nIch musste nur kurz eingenickt sein.<br \/>\nEigentlich erinnerte ich mich nicht daran, geschlafen zu haben, aber als ich aufsah, legte Winter auf dem Tisch vor sich eine S\u00e9ance mit ihren Kredit- und Bonuskarten.<br \/>\nAls ich hochfuhr, blickte sie mich erneut \u00fcber den Rahmen ihrer Brille an. In diesem Blick lag etwas Fixierendes, als h\u00e4tte sie mich gerade gereinigt, sterilisiert und in ein Briefmarkenalbum geklebt.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDiese ganzen verdammten Karten, die man bekommt, sind doch das Letzte.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs scheint, als w\u00fcrdest du in ihnen die Zukunft lesen.\u00ab<br \/>\nSie lachten ohne Humor in der Stimme auf, so als wollte sie mir zeigen, wie unlustig sie die Bemerkung fand. Dann wandte sie sich wieder ihren Karten zu.<br \/>\nSie sagte: \u00bbBetreffend der Karten, kann ich nur sagen, dass Dein Budget \u00fcberschritten ist und der einzige Hoffnungsschimmer f\u00fcr mich, Dein Tod sein wird.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWann der eintritt, kannst Du mir aber nicht sagen?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbW\u00fcrdest Du das wirklich wissen wollen?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich nicht. Es gibt da ja gen\u00fcgend Witze &#8211; wie der, mit dem Typen, bei dem man den Todestag des Vaters vorhersagte.\u00ab<br \/>\nWinter nickte, blickte erneut auf die Karten und sagte: \u00bbDann macht sich der Vater einen h\u00f6llischen Tag und kommt am Abend schei\u00dfgebadet nach Hause. Auf der T\u00fcrschwelle ruft er seiner Frau entgegen, dass das sein bl\u00f6dester Tag gewesen w\u00e4re und seine Frau sagt nur&#8230;\u00ab<br \/>\nIch unterbrach Winter und sagte: \u00bbWenn Du doch den Witz kennst, dann h\u00e4tte ein simples Nicken gen\u00fcgt.\u00ab<br \/>\nOhne aufzublicken sagte sie: \u00bbIch konnte es mir einfach nicht verkneifen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWillst Du ihn dann zu Ende erz\u00e4hlen?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbJetzt hab ich auch keine Lust mehr. Au\u00dferdem kenne wir ja beide das Ende.\u00ab<br \/>\nWinter sagte, dass wir Deutschen die Tendenz haben, so gut wie Alles zu \u00fcbertreiben.<br \/>\nSie sagte: \u00bbEure gesamten Regeln und Gesetzte, bringen mich regelm\u00e4\u00dfig auf die Palme. Was meint ihr eigentlich damit zu erreichen?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch glaube fest daran, dass jeder Mensch tief in sich das \u00dcbertreiben liebt. Wir Deutschen leben diese Vorliebe nur offen aus.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas ist nicht der Punkt. Ich glaube, dass ihr bald eine Regel zu Ausrottung von Schmetterlinge erlassen werdet, nur um Wirbelst\u00fcrme in Japan zu verhindern.\u00ab<br \/>\nF\u00fcr einen Moment blieb ich still. Viele Regelungen gingen in \u00e4hnliche Richtung. Wir verbieten etwas Naheliegendes und hoffen damit, ganz andere Probleme zu l\u00f6sen. Wie zum Beispiel das Verbot von Kampfhunden. Ob man damit Kinder besser vor boshaften Monstern gesch\u00fctzt hatte, gilt zu bezweifeln. Schlie\u00dflich hatten die Kampfhundbesitzer die Hunde nicht auf Kinder abgerichtet und viele Sch\u00e4ferhundbesitzer haben ihre K\u00f6ter auch nicht richtig unter Kontrolle. Eigentlich h\u00e4tte man alle Hunde verbieten m\u00fcssen die gr\u00f6\u00dfer als Ratten sind.<br \/>\nGenauso w\u00fcrde ein Verbot einer rechten Partei nicht vor dem dazugeh\u00f6rigen Gedankengut sch\u00fctzen. Da m\u00fcsste man schon alle Bretter vor den K\u00f6pfen abrei\u00dfen oder einen mindest \u00a0IQ f\u00fcr \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen und f\u00fcr Wahlen \u00a0einf\u00fchren.<br \/>\nAllerdings gefiel mir die Idee von Winter.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn wir damit Wirbelst\u00fcrme effektiv bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen&#8230;\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch finde Dir noch einen Wissenschaftler, der das belegt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDamit w\u00fcrdest Du viele Deutsche gl\u00fccklich machen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbMan muss euch nur auf dumme Ideen bringen und ihr schaffte es, die dumme Idee noch zu \u00fcberbieten.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas Schlimmste an der Unsterblichkeit, sind die st\u00e4ndigen Wiederholungen. Dabei glaubt jede Generation ihre Probleme gerade zum ersten Mal zu bew\u00e4ltigen. Das ist so lachhaft und bl\u00f6dsinnig. Immer wenn ich es euch sage, wollen ihr es nicht h\u00f6ren.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas meinst Du denn jetzt?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbSchau Dir mal die Geschichte an. Bleiben wir, nur um ein wenig \u00dcberblick zu behalten, im letzten Jahrhundert.<br \/>\nDie 20ger waren aufgeschlossen und toll. Die 30ger und 40ger hatten einen Stock im Arsch. Danach ging es aufw\u00e4rts, bis dann am Ende der 50ger der Stock wieder zur\u00fcck war. Die 60ger lebten dann die Revolution.<br \/>\nHeute erfindet ihr die Spie\u00dfigkeit als Tugend und glaubt, dass ihr damit ein Novum erschafft. Dabei macht ihr nur das r\u00fcckg\u00e4ngig, gegen das die letzte Generation so glorios gek\u00e4mpft hatte. In ein paar Jahren empfindet ihr ein Volksmusikfest f\u00fcr das Maximum der Dekadenz und vergesst, dass eure Gro\u00dfeltern noch mit Orgien den Umschwung feierten.<br \/>\nAndere L\u00e4nder sind nicht anders. Im Nahen Osten wurde die offenherzige und unreligi\u00f6se Art der Eltern gegen den religi\u00f6sen Fundamentalismus getauscht, in dem Glauben, dass dieser un\u00fcberwindbar und ewig dauert. In einem Jahrzehnt werden die Kinder dieser Generation die Zwangsjacke ihrer Eltern abgestreift haben. Deren Kinder werden dann erneut konservativ und so weiter.<br \/>\nImmer wieder dreht sich das Rad und immer wieder seid ihr \u00fcberrascht, dass ihr gerade oben oder unten seid. Und ewig jammert ihr!<br \/>\nWarum lernt ihr nicht dazu?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSorry, hatte Dir gerade nicht zugeh\u00f6rt. Was hast Du gesagt?\u00ab<br \/>\nDass der Zug so pl\u00f6tzlich anhielt, riss mich aus meinen Gedanken. Der Blick nach drau\u00dfen zeigte ein einzelnes Hochhaus, welches ziemlich verloren in einer kargen Landschaft stand. Aus einem Gef\u00fchl heraus, h\u00e4tte ich schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass wir vor ein paar Momenten eine andere Umgebung durchfahren hatten.<br \/>\nWinter l\u00e4chelte, als h\u00e4tte man ihr gerade den Kopf eines Heiligen zum Fr\u00fchst\u00fcck serviert. Sie erhob sich und glitt durch den Wagon. Schwerf\u00e4llig folgte ich ihr.<br \/>\nErst an der T\u00fcr, welche sich zu einem braunen Rasen \u00f6ffnete, konnte ich sie einholen. Sie blickte auf das Hochhaus und sagte: \u00bbHier war Mutter schon lange nicht mehr.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSieht auch nicht besonders nat\u00fcrlich aus. Das Ding wirkt wie ein Riese in einer Badwanne &#8211; ziemlich fehl am Platz, wenn Du mich fragst.\u00ab<br \/>\nWinter sprang von der letzten Stufe auf den Rasen und sagte dabei: \u00bbSind Menschen nicht auch nat\u00fcrlich?\u00ab<br \/>\nSie wartete weder auf meine Antwort noch auf mein Erscheinen, als sie sagte: \u00bbDie Dinge, die vom Menschen gebaut wurden, betrachtet Mutter genauso als Natur, wie auch alle Sachen, die schon vorher da waren.\u00ab<br \/>\nMein Atem ging schwer, w\u00e4hrend ich sie einzuholen versuchte. Ich sagte: \u00bbWas ist denn Deine Meinung?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbSobald ihr verschwunden seit, wird alles sehr schnell wieder aussehen wie vorher. Ihr seid doch nur ein Fliegenschiss auf der Windschutzscheibe der Zeit.\u00ab<br \/>\nWinter erreichte die Eingangst\u00fcr bestimmt zwei Minuten vor mir. Wie sie es auf diese verdammte Geschwindigkeit bringen konnte, war mir unerkl\u00e4rlich. Au\u00dferdem hatte ich noch nie erlebt, dass sie es so eilig hatte.<br \/>\nAnscheinend war irgendetwas an dem Geb\u00e4ude, was sie magisch anzog.<br \/>\nAls ich die T\u00fcr \u00f6ffnete, wurde mir schlagartig schwindelig. Hier drin tobte eine Party, die schon seit einiger Zeit in vollem Gang zu sein schien. Einen \u00dcberblick konnte man sich auf den ersten Blick nicht machen. Der zweite Blick verriet, dass man sich dringend ein Bier greifen sollte. Jeder kennt das Gef\u00fchl, zu sp\u00e4t angekommen zu sein &#8211; man ist der Einzige der nicht blau ist. Die Situation kann sehr peinlich werden.<br \/>\nEs herrschte Chaos. Ein Betrunkener schwankte an mir vorbei. Nur mit einem Sprung zur Seite konnte ich der schwankenden Bierflasche in seiner Hand ausweichen, die haarscharf an meinem Kopf vorbeischrammte.<br \/>\nHinter einer Gruppe von merkw\u00fcrdig gekleideter Besuchern, die so aussahen, als h\u00e4tte man sie aus einem Testlabor f\u00fcr Farbgestaltung rausgeworfen, konnte ich ein Teil von Winters Kleid durch die n\u00e4chste T\u00fcr entweichen sehen.<br \/>\nInsgesamt musste ich noch drei weiteren Flaschen Bier ausweichen, bis ich die T\u00fcr erreicht hatte.<br \/>\nWinter stand im Raum und betrachtete das Schauspiel, welches sich hier bot. Der Boden des Raums war kniehoch mit Wasser geflutet. Von der T\u00fcr aus, f\u00fchrte eine schmale Treppe nach unten ins Wasser.<br \/>\n\u00dcberall schwammen Luftmatratzen mit Partyg\u00e4sten. Ein Netz aus leeren Bierflaschen und Zigarettenstummeln hatte sich in den Ecken gesammelt. Man konnte kaum sein eigenes Wort verstehen. Aus Boxen aus der Decke wurde laute Musik auf die Besucher gepumpt.<br \/>\nIch musste schreien, um mich verst\u00e4ndlich zu machen. Ich sagte: \u00bbDas ist eine Party von Deiner Mutter?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbSie mag Spa\u00df.\u00ab<br \/>\nSie drehte sich herum und ging in die Gegenrichtung.<br \/>\nEinholen konnte ich Winter erst in einem Treppenhaus. Sie stand auf der zweiten Stufe, sah fragend nach oben und wartete auf irgendetwas.<br \/>\nIch sagte: \u00bbPr\u00fcfst Du die Luft oder ist Dir die Energie ausgegangen?\u00ab<br \/>\nWinter ignorierte mich. Wir stand eine halbe Ewigkeit auf der Stelle, ohne dass etwas passierte.<br \/>\nDas Treppenhaus bestand aus kargem Beton, ohne irgend einer Verkleidung oder Dekoration. Im Gegensatz zu dem Chaos dass in den R\u00e4umen herrschte, die ich vorher durchquert hatte, war dies hier eine Oase der Ruhe und Ordnung.<br \/>\n\u00dcber uns konnte ich ein paar Fenster erkennen, in den ersten zwei Stockwerken gab es jedoch nur nackte Neonr\u00f6hren, die an den W\u00e4nden hingen. Die Luft schmeckte staubig und roch metallisch.<br \/>\nIch versuchte Winters Blick zu fangen, konnte in der H\u00f6he jedoch nichts erkennen.<br \/>\nWinter drehte sich zu mir und sagte: \u00bbIch kann meine Mutter nicht finden. Vielleicht ist sie in einer der oberen Etagen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbKannst Du mir bitte sagen, wo wir hier sind?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMeine Mutter liebt das Chaos. Nebenbei liebt sie auch Parties. Das liegt nahe beieinander.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbBisher habe ich die Natur eigentlich als hochkomplex angesehen.\u00ab<br \/>\nWinter zuckte mit den Achseln und sagte: \u00bbIst das nicht das Gleiche?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbUnd was ist hier?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWir m\u00fcssen hoch.\u00ab<br \/>\nW\u00e4hrend wir die Treppen hinaufgingen, sagte ich zu Winter: \u00bbDas mit dem Chaos besch\u00e4ftigt mich. Ist da drau\u00dfen alles geplant oder durch Zufall entstanden?\u00ab<br \/>\nWinter lachte kurz auf und sagte: \u00bbDie alte philologische Frage, die schon Generationen besch\u00e4ftigt.\u00ab<br \/>\nSie sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbWenn Menschen, wie Ingenieure oder Programmierer, etwas planen und erschaffen, dann lassen sie immer Raum f\u00fcr Anbauten. Es gilt als wichtigste Pflicht immer Pl\u00e4tze f\u00fcr sp\u00e4tere Erweiterungen freizulassen.<br \/>\nWenn ein Objekt jedoch w\u00e4chst, sei es z.B. ein Programm oder ein Bauwerk, ohne dass eine Planung \u00a0vorliegt, dann werden keine Anbaum\u00f6glichkeiten zu finden sein. Ein Erkennungsmerkmal f\u00fcr etwas Gewachsenes, sind Artefakte, die keinerlei Funktion mehr erf\u00fcllen. Vieles \u00fcberlebt sich w\u00e4hrend der Entstehung.<br \/>\nEin Beispiel ist die folgende Geschichte.<br \/>\nNachdem ein kleines Kind die alten Disketten des Vaters fand, ging es zu ihm und sagte: \u203aCool, Du hast das Speichern-Symbol in 3D ausgedruckt!\u2039.<br \/>\nDas Symbol ist noch da, aber die dazugeh\u00f6rige Technik ist verschwunden, weil das System gewachsen ist.<br \/>\nDie Frage ist, findet man die Erweiterungsm\u00f6glichkeiten oder findet man Artefakte, die keine Funktion mehr erf\u00fcllen?\u00ab<br \/>\nIch \u00fcberlegte kurz und sagte: \u00bbWeisheitszahn und Blinddarm deuten wohl eher auf Artefakte hin, die keinerlei Funktionen mehr haben.\u00ab<br \/>\nWinter nickte.<br \/>\nWir kamen in der 4. Etage an und Winter \u00f6ffnete die T\u00fcr.<br \/>\nWinter \u00f6ffnete die T\u00fcr nur kurz, streckte ihren Kopf in die entstandene \u00d6ffnung, zog ihn wieder hinaus und knallte die T\u00fcr hinter sich zu.<br \/>\nSie sah mich an und sagte: \u00bbMutter ist nicht da.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWie willst Du das wissen, wenn Du nicht einmal rein gehst?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWir Naturkr\u00e4fte sp\u00fcren einander. Wir wissen, ob wir uns n\u00e4hern.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIst das der Grund, warum selten mehr als eine Katastrophe gleichzeitig eintritt?\u00ab<br \/>\nSie ignorierte meinen Witz geflissentlich und betrat die erste Treppenstufe nach oben.<br \/>\nInnehaltend deute sie mir an, leise zu sein.<br \/>\nHier im Treppenhaus h\u00e4tte man eine Stecknadel fallen h\u00f6ren. Kurzfristig versuchte ich, mein Atmen zu unterdr\u00fccken, was mir allerdings nur kurz gelang.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMeine Mutter ist nicht hier. Ich kann sie in diesem Geb\u00e4ude nicht ausmachen. Wir sollten weiter fahren.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas ist das hier? Das ist doch kein normales Geb\u00e4ude oder?\u00ab<br \/>\nWinter grinste. Sie sagte: \u00bbIch dachte, Du glaubst nicht an Magie!\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbZumindest kann ich mir das hier nicht erkl\u00e4ren.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMeine Mutter hat die F\u00e4higkeiten, mit Raum und Zeit zu spielen. Das hier ist ein Haus voller Parties. Nicht eine gro\u00dfe, sondern viele kleine, die irgendwo und irgendwann auf der Erde gefeiert wurden.<br \/>\nJe weiter Du nach oben kommst, desto weiter liegen diese Feiern in der Vergangenheit. Ganz oben sind die alten \u00c4gypter. Kein sch\u00f6ner Ort, wenn Du mich fragst. Zu viele Spiele unter Beteiligung von Sklaven und Tieren.\u00ab<br \/>\nWinter ging die Treppe runter und ich folgte ihr. Ich sagte: \u00bbFahren wir weiter?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas sollten wir.\u00ab<br \/>\nEs dauerte, bis wir am Zug waren. Bemerkenswerter Weise wartete dieser die gesamte Zeit auf uns.<br \/>\nAls wir zur\u00fcck im Abteil waren, sagte ich: \u00bbWie viele Wohnungen von Natur m\u00fcssen wir noch aufsuchen?\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte nachdenklich den Kopf. Dann sagte sie: \u00bbIch glaub, dass aller guten Dinge drei sind.\u00ab<br \/>\nIch grinste und sagte: \u00bbSo wie bei den Jahreszeiten?\u00ab<br \/>\nDas Gesicht von Winter verfinsterte sich. Sie sagte: \u00bbIch habe keine Lust, mich durch all die Behausungen meiner Mutter zur qu\u00e4len. Eigentlich hat sie nur ein paar, die sie h\u00e4ufiger frequentiert.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIn Romanen und Filmen ist es \u00fcblich, dass der Held ein paar mal scheitert, bis er endlich zum Ziel kommt. Diese sogenannten \u203aTry-Fail-Cycles\u2039 sind das Salz jeder guten Geschichte.<br \/>\nAllerdings streiten sich die Gelehrten dar\u00fcber, wie oft der Held scheitern muss. Einige schw\u00f6ren auf drei, andere auf vier Mal und einigen kann es gar nicht oft genug sein. Schlie\u00dflich lassen sie den Helden so sehr daran zerbrechen, dass das Scheitern vorprogrammiert zu sein scheint und dann klappt es pl\u00f6tzlich doch noch.<br \/>\nDas Scheitern ist aber ein wichtiger Schritt und sollte niemals ausgelassen werden.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMir reichen zwei Mal. Das Dritte muss klappen. Ich habe wirklich keine Energie das l\u00e4nger durchzustehen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbTrotzdem solltest Du doch davon reden, dass alle guten Dinge vier sind.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbSpare Dir Deine guten Ratschl\u00e4ge.\u00ab<br \/>\nIch hatte es mir gem\u00fctlich gemacht. Bahnsitze k\u00f6nnen sehr komfortabel\u00a0sein, wenn man wei\u00df, wie man sie richtig einstellt. Aus meiner Ecke beobachtete ich Winter, die mir gegen\u00fcber sa\u00df. Ich sagte: \u00bbGute Ratschl\u00e4ge sind das Einzige, was man ungefragt und im \u00dcberfluss bekommt.\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbEs gibt bestimmt noch mehr Dinge, die man auf diese Weise erh\u00e4lt, aber gute Ratschl\u00e4ge sind auf jeden Fall das Nervigste.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbBesonders lustig sind diese Ratschl\u00e4ge, wenn man irgendwo mit kleinen Kindern auftaucht. An der Kasse hat man im Wagen ein schreiendes Kind sitzen und die nette \u00e4ltere Dame, die hinter einem darauf gelauert hat, sagt: \u203aWas hat die Kleine denn? Bestimmt hat sie Hunger. Sie m\u00fcssen sie f\u00fcttern!\u2039<br \/>\nAuf diesen Hinweis gab es bei mir nur ein Erwiderung: \u203aKann nicht sein, hab die Kleine gestern erst gef\u00fcttert. M\u00fcsste noch voll sein.\u2039<br \/>\nOder die Kassiererin die, nachdem ich ihr beichtete, dass ich eigentlich mit Kind da w\u00e4re, dass mir allerdings gerade entflohen ist und deshalb schnell bezahlen wollte nur sagte: \u203aWie k\u00f6nnen sie ihr Kind nur aus den Augen lassen? Das geht gar nicht &#8211; es k\u00f6nnte doch geklaut werden.\u2039<br \/>\nIch sagte dazu: \u203aGlauben sie mir, ich habe das schon mehrmals ausprobiert, aber das Kind will keiner haben. Au\u00dferdem ist\u00a0zu Hause noch eins. Eins von zwei ist doch auch keine schlecht Quote.\u2039\u00ab<br \/>\nWinter sah mich ruhig an und sagte: \u00bbDu schl\u00e4gst netten beunruhigten Menschen immer gerne eins vor die Nase, oder?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbManchmal l\u00e4sst sich das nicht vermeiden.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWer war eigentlich der alte Knacker im Schloss? Ist der mit euch verwandt?\u00ab<br \/>\nWinter schaute weiter aus dem Fenster und schien mich zun\u00e4chst nicht zu beachten. Da ich dieses Verhalten schon kannte, wartete ich geduldig.<br \/>\nIrgendwann sagte sie: \u00bbWarum interessiert Dich das pl\u00f6tzlich? Als wir da abgehauen sind, war er Dir egal.\u00ab<br \/>\nEigentlich hatte sie recht. Die Reise weckte meine Neugierde. Winter war mir bisher nur als boshafte, arrogante und ziemlich eitle Dame begegnet. Mit jedem Halt und jeder merkw\u00fcrdigen Tat, wurde sie f\u00fcr mich interessanter.<br \/>\nWas ging in ihrer Welt vor? Was trieb sie an?<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbDer Alte ist schon sehr lange in unserem Dienst. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann er anfing f\u00fcr uns zu arbeiten.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDann ist er auch ein Unsterblicher?\u00ab<br \/>\nWinter lachte heiser auf. Sie sch\u00fcttelte erneut den Kopf, blickte mich allerdings nicht einmal an.<br \/>\nDrau\u00dfen zog eine weitere Stadt an uns vorbei, wie ein Landstreicher an einem M\u00f6belladen. Irgendwie \u00e4hnelten sich all die Umgebungen und wurden immer mehr zu einem Hintergrundrauschen.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWenn jemand in unserem Dienst steht, dann lebt er au\u00dferhalb der Zeit.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIhr k\u00f6nnte Leute unsterblich machen?\u00ab<br \/>\nWinter sagte nichts mehr. Ihr Mund hatte sich zu einem stillen L\u00e4cheln verzogen. Die Augen blitzten jedoch, wie zwei silbrige Kugeln in Pistolenl\u00e4ufen.<br \/>\nNoch bevor ich einen weiteren Gedanken fassen konnte, wurde der Zug langsamer. Das Bremsen erhob\u00a0mich ganz leicht aus dem\u00a0Sitz.<br \/>\nWinter sah mir in die Augen und sagte: \u00bbAlle guten Dinge sind drei.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMach Dir nicht zu gro\u00dfe Hoffnungen. Wenn man etwas sucht, findet man es in der Regel nicht so schnell.\u00ab<br \/>\nWinter sah mich an. Ihre Augen waren zu Schlitzen verengt. Diesmal war ich mir keiner Schuld bewusst.<br \/>\nMit den Achseln zuckend sagte ich: \u00bbEs ist nicht gut, wenn man sich zu viel Hoffnung macht.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch mache weder mir noch jemand anderen Hoffnung. Wenn meine Mutter nicht hier ist, dann gehe ich davon aus, dass sie nicht gefunden werden will und breche die Suche ab.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas kommt mir irgendwie nicht richtig vor. Wenn man etwas wirklich will, sollte man mehr als nur drei Versuche in Kauf nehmen.\u00ab<br \/>\nW\u00e4hrend sie sich erhob, sagte sie: \u00bbAus Prinzip gebe ich nur drei Warnungen. Wer diese drei Warnungen ignoriert, muss mit den Konsequenzen leben. Schlie\u00dflich bin ich nicht die Wohlfahrt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas sehe ich \u00e4hnlich. Wer es bis dahin nicht h\u00f6ren wollte, der wird es auch nach dem zehnten Mal nicht h\u00f6ren. Das sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn man verstecken spielt, dann sollte man\u00a0suchen.<br \/>\nWer nur\u00a0ein paar Runden aush\u00e4lt, ohne die Leute gefunden zu haben, der hat verloren.\u00ab<br \/>\nWinter sah mich sehr ernst an und sagte: \u00bbIch werde meine Mutter niemals gewinnen lassen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas ist die Einstellung, die ich h\u00f6ren wollte!\u00ab<br \/>\nDas Meer war so nah, dass man aus dem Abteil direkt h\u00e4tte hineinspringen k\u00f6nnen.<br \/>\nEs schwappte zu allen Seiten, als w\u00e4re es in einem Glas gefangen, welches man auf die Mittelkonsole\u00a0eines Rennwagens gestellt\u00a0hatte. Wei\u00dfe Gischt tanzte auf den Gipfeln der kleinen blauen Berge.<br \/>\nAm hinteren Teil der Schotterstrecke, die hier f\u00fcr den Aussteigen ausreichte, stand eine kleine graue H\u00fctte. Die meisten N\u00e4gel, die die Bretter fr\u00fcher zusammenhielten, waren schon vor einigen Jahren durchgerostet.<br \/>\nEinige Bretter standen wie von Zauberhand in der Luft, andere fehlten. Die T\u00fcr hing nur noch in einem Scharnier und hatte sich oben vom Rahmen getrennt.<br \/>\nWinter ging zielstrebig auf die H\u00fctte zu.<br \/>\nIch sagte: \u00bbHabt ihr da drin euren Rasenm\u00e4her vergessen? Oder brauchst Du einen Besen, um weiter zu reisen?\u00ab<br \/>\nWinter sagte \u00fcber ihre Schulter: \u00bbMach Dich nicht l\u00e4cherlich. Das mit dem Besen ist eine ganz andere Geschichte.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas meinst Du?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbNiemand ist wirklich jemals auf\u00a0einem Besen durch die Luft geflogen. Die kr\u00e4uterkundigen Damen in alten Zeiten, haben die Besenstiele mit Essenzen getr\u00e4nkt und haben die Dinger dann rektal eingef\u00fchrt. Soweit ich mich erinnern kann, hatten sie dabei und nachher ziemlich viel Spa\u00df. Sie waren so high, dass die Leute sagten, sie w\u00fcrden fliegen. Wirklich abgehoben sind sie dabei aber nie.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas erkl\u00e4rt nicht meine Andeutung, dass Du auf eine verdammt kleine Bude zusteuerst. Oder sehe ich Dein echtes Ziel\u00a0noch nicht.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDu wirst Dich wundern, wenn wir da sind.\u00ab<br \/>\nAls ich hinter Winter den Raum betrat, verschlug es mir die Sprache. In der Fl\u00e4che h\u00e4tte man einen gesamten Fu\u00dfballplatz unterbringen k\u00f6nnen. Winter l\u00e4chelte mich an, als h\u00e4tte sie gerade im Lotto gewonnen, und wollte mir unter die Nase reiben, dass sie nichts von dem Geld abgeben w\u00fcrde.<br \/>\nSie sagte: \u00bbNa \u00fcberrascht?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas Ding ist von innen tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfer!\u00ab<br \/>\nDas L\u00e4cheln wurde noch eine Idee breiten, wenn das \u00fcberhaupt noch ging. In der Pose h\u00e4tte sie eine Banane quer essen k\u00f6nnen. Intuitiv ballte ich die F\u00e4uste. Wenn sie nicht gleich mit dem Grinsen aufh\u00f6ren w\u00fcrde, k\u00f6nnte sie sich ein paar Spr\u00fcche von mir einfangen.<br \/>\nAuf einmal zuckte Winter zusammen. Sie sagte: \u00bbIrgendjemand ist hier. Das kann ich sp\u00fcren.\u00ab<br \/>\nEine tiefe M\u00e4nnerstimme erklang aus der Ferne. Mit zusammengekniffenen Augen, konnte ich in einer T\u00fcr am anderen Ende des Raums einen Mann sehen. Er winkte Winter zu.<br \/>\nAugenblicklich war das L\u00e4cheln aus dem Gesicht verschwunden. Es kam mir so vor, als w\u00fcrde Winter etwas runterschlucken. Dann verdrehte sie die Augen und sagte: \u00bbWas machst Du denn hier Vater?\u00ab<br \/>\n\u00dcberrascht drehe ich mich zu ihr um. Ich sagte: \u00bbDein Vater ist hier?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDa ist ein Typ, der so wie er aussieht, sich so wie er anf\u00fchlt, sich so wie er benimmt und der so wie er redet. Die Chancen stehen gut, dass er es auch ist.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbCool!\u00ab<br \/>\nWinter wirkte so, als m\u00fcsste sie dringend auf Toilette. Sie pendelte von einem auf das andere Bein, drehte sich einmal hierhin einmal in die andere Richtung.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWow &#8211; ich kenne kaum jemand, der sich so offensichtlich freut, seinen Vater zu treffen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMit einem Golfball mitten zwischen die Beine w\u00fcrde ich ihn viel lieber treffen.\u00ab<br \/>\nMeine Miene verfinsterte sich. Ich sagte: \u00bbWas hat er gemacht?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbHalb so wild &#8211; er hat mich nur pausenlos blamiert und verarscht. Man hat das Gef\u00fchl, dass er Nichts ernst nehmen kann.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbScheint eine Grundvoraussetzung f\u00fcr einen Luftikus zu sein.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbEr h\u00e4tte sicherlich seinen Grund, ein wenig ernsthafter zu sein.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWie nenne ich ihn \u00fcberhaupt?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIm Altertum war er Luft. Heute gef\u00e4llt ihm der Name Atmosph\u00e4re sehr. Wenn ich Du w\u00e4re, w\u00fcrde ich einfach \u203aSie\u2039 zu ihm sagen.\u00ab<br \/>\nDer Mann hatte immer noch nicht die H\u00e4lfte des Raums erreicht. Langsam konnte ich Einzelheiten ausmachen.<br \/>\nEr sah so aus, als h\u00e4tte man auf seinem Oberk\u00f6per eine B\u00fcste eines bekannten klassischen Komponisten geklebt. Seine Haare waren schneewei\u00df und standen zu B\u00fcscheln zu allen Seiten des Kopfes ab. Im Gesicht trug er ein breites L\u00e4cheln.<br \/>\nSein K\u00f6rper war mager &#8211; fast zu d\u00fcnn. Die Arme und Beine ragten wie kleine Zweige aus dem Stamm einer 100 j\u00e4hrigen\u00a0Eiche. Der schwarze Anzug mit Krawatte und die schwarzen Lackschuhe komplettierten\u00a0das Bild.<br \/>\nSeine Stimme war nur ein leises Fl\u00fcstern, als er sagte: \u00bbHallo mein Sch\u00e4tzchen\u00ab. Dabei schauten seine Augen \u00fcber die Brille auf seiner Nase, wobei das Nasenfahrrad so aussah, als h\u00e4tte er es John Lennon geklaut. Ich bin mir fast sicher, dass solche runden Gl\u00e4ser nicht mehr produziert werden. Gleichzeitig wusste ich, von wem sich Winter ihre komische Eigenheit mit dem \u203a\u00dcber-Die-Gl\u00e4ser-Meiner-Brille-Gucken\u2039 abgeschaut hatte.<br \/>\nWinter sah genervt aus. Ihre Mimik hing ihr bis auf das Kinn. Insgesamt vermittelte sie den Eindruck einer Frau, die schon eine halbe Stunde auf den versp\u00e4teten Bus gewartet hatte.<br \/>\nSie sagte: \u00bbHallo Vater. Ich w\u00fcnsche Dir auch ein frohes und gesundes neues Jahrtausend. Hoffe, Du bist gut reingekommen.\u00ab<br \/>\nIhr Vater l\u00e4chelte und nickte. Dann wedelte er mit seiner Hand in meine Richtung.<br \/>\nAus der Bewegung wurde ich nicht recht schlau. Es erinnerte mich irgendwie an den Film ET, obwohl mir die Handlung nur noch schemenhaft im Kopf geblieben ist.<br \/>\nEs war h\u00f6chst wahrscheinlich, dass Winters Vater mich auf irgendeine Weise begr\u00fc\u00dfen wollte. Wo er diese Begr\u00fc\u00dfung jedoch her hatte, wusste nur der Wind.<br \/>\n\u00dcber diesen Wortwitz l\u00e4chelnd sagte ich: \u00bbEs ist mir eine Ehre sie kennenzulernen.\u00ab<br \/>\nDer Vater wandt sich erneut an die Tochter und sagte, kaum h\u00f6rbar: \u00bbWer ist denn der komische Neue?\u00ab<br \/>\nWinter blickte mich an, als w\u00e4re ich der Schmutz unter ihren Schuhen, drehte sich erneut um und sagte: \u00bbDen hat mir Herbst angeschleppt.<br \/>\nWenn man ihm Zeit gibt, kann man sich glatt an ihn gew\u00f6hnen &#8211; genauso wie man sich an ein Leben ohne Gallenblase gew\u00f6hnt.\u00ab<br \/>\nWinters Vater klappte der Mund auf, als wolle er eine Salatgurke in einem St\u00fcck in seiner Kehle verschwinden lassen. Winter wartete nicht auf seine Antwort. Sie ging an ihm vorbei und sagte: \u00bbIch bin auf der Suche nach Mutter. Ist sie hier?\u00ab<br \/>\nErneut war die Antwort kaum zu h\u00f6ren. F\u00fcr mich hatte es etwas befremdliches, dass man das Wort zwar kaum wahrnahm, den Inhalt der Worte jedoch klar verstehen konnte.<br \/>\nEr sagte: \u00bbSie ist nicht hier. Sie wollte nicht bleiben. Als sie da war, war sie nicht l\u00e4nger als 30 Minuten hier. Dann hat sie ein paar Sachen gepackt und ist verschwunden.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWann ist sie los?\u00ab<br \/>\nLuft sagte: \u00bbVor einem Tag.\u00ab<br \/>\nWinter hielt inne. Sie stand mit dem R\u00fccken zu ihrem Vater und wirkte, wie ein Hund, der die Witterung eines anderen Tieres wahrgenommen hatte.<br \/>\nSie sagte: \u00bbEs ist doch noch jemand da? Wer ist in Deinem Schlafzimmer?\u00ab<br \/>\nLuft war auf einmal sehr schnell. Er baute sich so eilig vor Winter auf, dass ich nicht verstand, wie er dort hingekommen war. Diesmal waren seine Worte einen Tick lauter.<br \/>\nEr sagte: \u00bbHier ist niemand.\u00ab<br \/>\nWinter schob ihn mit der flachen Hand beiseite und eilte durch den riesigen Raum. Als sie bei der T\u00fcr war, aus der Luft vorher entwichen war, \u00f6ffnete sich diese, ganz wie von selbst.<br \/>\nIn der \u00d6ffnung stand eine Blondine. Auf den ersten Blick sah ich ihre blauen Augen. Sie waren so hell, dass sie in den dunklen Raum strahlte. Sie hatte ein breites, entwaffnendes L\u00e4cheln auf dem Gesicht. Ansonsten war sie allerdings nur sehr sp\u00e4rlich bekleidet.<br \/>\nWinter wirbelte zu ihrem Vater und baute sich direkt vor ihm auf, so dass sich ihre Nasen fast ber\u00fchrten. Sie sagte: \u00bbSchon wieder Vater? Ich dachte, die Phase mit Meer h\u00e4ttest Du hinter Dir gelassen!\u00ab<br \/>\nDer Vater l\u00e4chelte platt. Mein K\u00f6rper spannte sich an. Bisher war ich nicht davon ausgegangen, den omin\u00f6sen Erzeuger der Jahreszeiten zu treffen. Jetzt stand ich ihm gegen\u00fcber und erfuhr sogar etwas \u00fcber seine heimliche Geliebte. Es gab verdammt viele Orte, an denen ich lieber gewesen w\u00e4re.<br \/>\nWinter hingegen sah so aus, als w\u00fcrde sie jede Minute explodieren. Ihr Kopf war so rot, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Jede Vene in ihrem Hals trat hervor, als w\u00fcrden sie sich zum Durchz\u00e4hlen aufstellen. Sie erinnerte mich ein wenig an einen \u00fcbergro\u00dfen roten Knopf mit der Aufschrift \u203aBitte nicht dr\u00fccken\u2039.<br \/>\nBald w\u00fcrde hier ein Sturm aufziehen, da war ich mir sicher und mit Wasser, Winter und Luft k\u00f6nnten die Auswirkungen h\u00f6chst interessant werden. Allerdings wusste ich nicht, ob sie f\u00fcr mich besonders gesundheitsf\u00f6rdernd w\u00e4ren.<br \/>\nSicherheitshalber trat ich einen Schritt zur\u00fcck und stand damit n\u00e4her an der T\u00fcr.<br \/>\nLufts Stimme war erneut ein S\u00e4useln und trotzdem klar zu verstehen, als er sagte: \u00bbKalti mein Liebling, bitte reg Dich nicht auf. Es ist nicht so, wie es aussieht.\u00ab<br \/>\nMein ganzes Leben hatte ich darauf gewartet, genau diese Worte im realen Leben zu h\u00f6ren. Sie sind so abgedroschen wie vorhersehbar gelogen, dass ich \u00fcberzeugt davon war, dass sie keiner jemals benutzen w\u00fcrde. Au\u00dferdem erfreute mich der Kosename, den der Luftikus seiner Tochter verpasst hatte.<br \/>\nIn meinem Gehirn z\u00e4hlte ich langsam von 10 abw\u00e4rts. Ich kam nicht einmal bis 8, als Winter sagte: \u00bbWir werden sehen, was Mama dazu sagt.\u00ab<br \/>\nWenn Luft noch durchsichtiger werden konnte, tat er es in diesem Augenblick. Er l\u00f6ste sich f\u00f6rmlich auf.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbKomm mit, wir sind hier fertig.\u00ab, und drehte sich zur T\u00fcr.<br \/>\nAls wir die T\u00fcr verlie\u00dfen zischte sie mir zu, als sie sagte: \u00bbWenn ich diesen Namen einmal von Dir h\u00f6re, wirst Du Deines Lebens nie wieder froh werden.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbVersteh schon, aber ich wusste nicht, dass es mir im Moment so gut geht.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbK\u00f6nnte schlimmer werden.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSchauen wir mal.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich ist es beruhigend f\u00fcr einen Sterblichen, dass Deine\u00a0Familie \u00e4hnlich funktioniert wie unsere.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIst jetzt nicht so, als w\u00e4re ich darauf stolz. Allerdings sind diese Liebeleien untereinander gut zu erkl\u00e4ren. Wenn es nur ein paar Kandidaten und Kandidatinnen gibt, ist die Partnerwahl stark eingeschr\u00e4nkt. Dazu kommen noch ein paar Ewigkeiten und schon hat man die Zutaten einer griechischen Trag\u00f6die.\u00ab<br \/>\nLangsam sch\u00fcttelte ich den Kopf und sagte: \u00bb\u00d6dipus und die anderen w\u00e4ren mir als Vorlage nicht in den Sinn gekommen. Ich dachte da viel mehr an Lindenstra\u00dfe.\u00ab<br \/>\nEin heiseres Lachen erklang aus Winters Richtung. Sie nickte nur, w\u00e4hrend wir durch die T\u00fcr zum Zug gingen. Das Meer hatte sich nicht beruhigt.<br \/>\nEs war schon merkw\u00fcrdig aus den hohen und riesigen Hallen, zur\u00fcck auf den schmalen Bahnsteig zu treten. Da wo sich die Halle weitete, war jetzt das Meer.<br \/>\nMit sicherem Schritt ging Winter auf die n\u00e4chste T\u00fcr\u00a0zu.<br \/>\nReden hatte wenig Sinn, da das Meer tobte. Meine Lippen schmeckten\u00a0salzig und Wind streifte durch meine Haare.<br \/>\nAls sich die T\u00fcr hinter uns schloss und wir uns gesetzt hatten, sagte Winter: \u00bbDas Fernsehen, hat es geschafft, aus Familienstreits abendliche Unterhaltung zu generieren.\u00ab<br \/>\nIch l\u00e4chelte und sagte: \u00bbUnd als das nicht mehr n\u00fctzte, setzte man Leute im Urwald aus.\u00ab<br \/>\nDie Mine von Winter verfinsterte sich. Sie sagte: \u00bbGuckst Du Dir den Mist an?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn ich Elend sehen m\u00f6chte, schau ich mir meine alten Zeugnisse an. Anderen Menschen bei ihren\u00a0Erniedrigungen zuzuschauen, entspricht\u00a0nicht meiner Natur.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbUnd doch hat es einigen Unterhaltungswert.\u00ab<br \/>\nEine meiner Augenbrauen wanderten nach oben. Ich sagte: \u00bbDu schaust Dir den Mist an?\u00ab<br \/>\nWinter l\u00e4chelte und schwieg.<br \/>\nNachdem ich erneut eingenickt war, wurde ich von einem Gedanken geweckt, der mich nicht mehr loslie\u00df. Diese Idee hatte sich wie ein Kampfhund verbissen und war nicht abzusch\u00fctteln.<br \/>\nFragend sah ich Winter an und sagte: \u00bbDie drei Stops, die wir bisher hatten.\u00ab<br \/>\nWinter nickte freundlich in meine Richtung, so als wollte sie die unausgesprochene Frage schon beantworten.<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas war alles geklaut. Ich kannte diese Orte schon vorher, weil sie die Lieblinge meiner Fantasie sind.<br \/>\nZun\u00e4chst war da das Harry Potter Universum. Das Schloss in den Bergen mit den hohen Zinnen entsprach direkt meiner Vorstellung.<br \/>\nDann hatten wir einen Einblick in \u203aFear and Loathing in Las Vegas\u2039. Besonders die Szene mit dem Wasser im Raum kam mir verdammt bekannt vor. Au\u00dferdem war ich mir sicher, irgendwo auch noch den Dude gesehen zu haben, der an seinem \u203aWhite Russian\u2039 schl\u00fcrfte.<br \/>\nDer letzte Stop war zu offensichtlich. Den Spruch \u203aBigger on the inside\u2039 h\u00e4tte man greifen k\u00f6nnen.<br \/>\nKann es sein, dass die Orte, die wir besucht haben, alle mit meinen Lieblingsfilmen und Fernsehserien zu tun hatten?\u00ab<br \/>\nMit leiser Stimme sagte Winter: \u00bbIch hatte mich schon gefragt, wann Du das rausfindest.\u00ab<br \/>\nDer Satz verwirrte mich. Mit den Finger trommelte ich auf dem kleinen Tischchen vor mir. Mit meinen Augen versuchte ich, hinter die Fassade von Winter zu blicken.<br \/>\nDiese schloss einfach die Augen und sah so aus, als wolle sie einschlafen.<br \/>\nEs dauerte eine Weile, bis Winter die Augen wieder \u00f6ffnete. Ich nutzte die Gelegenheit und sagte: \u00bbWas ist denn jetzt? Hast Du aufgegeben oder suchen wir weiter?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWei\u00dft Du mein Junge, ich kann jetzt nicht aufgeben. Vater hat uns doch gesagt, wo wir Mutter finden k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen dort auf jeden Fall nachsehen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich h\u00e4tte ich nicht gedacht, dass Du jemals Deine Meinung wechselst. So wie Ich Dich kenne, ist es ein Wunder, dass Du dem untreu wirst, was Du vorher beschlossen hattest.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWillst du mir jetzt pl\u00f6tzlich ausreden, was Du mir vorher einreden wolltest?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs war nur ein Versuch.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbViele Leute haben es schon mit umgedrehter oder verdrehter Psychologie versucht. Bisher hatte noch keiner Gl\u00fcck.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch bin da \u00e4hnlich. Wenn ich mich erst einmal zu etwas entschieden habe, dann gibt es niemand, der mich stoppen kann.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWillst Du jetzt sagen, dass wir etwas gemeinsam haben?\u00ab<br \/>\nBei der Frage wanderten Wellen, wie D\u00fcnen, \u00fcber ihre Stirn und die Augen verengten sich. Anscheinend h\u00e4tte ich das nicht erw\u00e4hnen sollen.<br \/>\nSchnell sagte ich: \u00bbEs w\u00fcrde mir nie im Traum einfallen, Dich mit mir zu vergleichen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas w\u00e4re so, als w\u00fcrden sich die Adler mit den Schweinen vergleichen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIst schon gut. Ich halt lieber den Mund und fliege weiter.\u00ab<br \/>\nWinter hatte die Beine \u00fcbereinandergeschlagen und sah aus dem Fenster. Drau\u00dfen flogen Wolken \u00fcber einen grauen Himmel und ganz weit hinten wiegten sich B\u00e4ume im Wind.<br \/>\nDie Gegend kam mir unbekannt vor. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie viel Zeit w\u00e4hrend der Reise vergangen war. Mein Magen schmerzte &#8211; es kam mir vor, als h\u00e4tte ich schon eine Ewigkeit keine Nahrung mehr zu mir genommen.<br \/>\nAls ich mich auf den Schmerz konzentrierte, blickte mich Winter unvermittelt an. Sie hatte schon wieder diesen Blick \u00fcber die Brille auf dem Gesicht.<br \/>\nSie sagte: \u00bbSieht fast so aus, als h\u00e4ttest Du Hunger.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWahrscheinlich sind Dir diese menschlichen Gef\u00fchle unbekannt, aber wir Sterblichen m\u00fcssen hin und wieder etwas zu uns nehmen.\u00ab<br \/>\nSie nickte und sagte: \u00bbIch hatte Dir doch gesagt, dass Du etwas einpacken solltest.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas war ein verdammtes Brot, was ich schon vor einer Ewigkeit verzehrt habe. So langsam h\u00e4tte ich schon Lust auf etwas Warmes.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch nehme Dich jetzt nicht in die Arme.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSoweit ich das sehe, w\u00fcrde mir davon nur noch k\u00e4lter werden.\u00ab<br \/>\nWinter schnalzte mit der Zunge und sah mich am\u00fcsiert an. Anscheinend sch\u00e4tze sie ab, wie lange ich noch durchhalten w\u00fcrde.<br \/>\nIch sagte: \u00bbAuch wenn ich fett genug bin &#8211; eine Mahlzeit w\u00e4re mir jetzt sehr willkommen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWarte noch bis zum n\u00e4chsten Stop. Vielleicht kann uns meine Mutter etwas zubereiten.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbVon der Natur bekomme ich sehr selten Essbares. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die meisten Sachen aus dem Labor stammen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbAls Chemiker sollte Dich das ja nicht besonders st\u00f6ren.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDu bist aber keiner von den militanten Vegetariern?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbVielleicht ist es eine \u00dcberraschung f\u00fcr Dich, aber ich bin weder Vegetarier noch Veganer. Die Wurst auf meinem Brot h\u00e4tte Dir da einen Hinweis geben k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWer wei\u00df schon, ob man diese Wurst nicht aus einem Baumstamm geschnitzt hat. In den Regalen der Superm\u00e4rkte findet man allerlei merkw\u00fcrdige Dinge.\u00ab<br \/>\nMit dem Kopf sch\u00fcttelnd sagte ich: \u00bbFleisch schmeckt mir zu gut, obwohl ich fest davon \u00fcberzeugt bin, dass wir mit der Massentierhaltung und den Monokulturen nicht unbedingt gutes Karma auf unseren Schultern stapeln.\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbMeine Mutter hat schon vor Jahren dar\u00fcber gesprochen. Die Qualen, die ihr anderen Lebewesen antut, sind kaum auszuhalten. Sie hatte mehrmals laut dar\u00fcber nachgedacht, wie sie euch loswerden k\u00f6nnte.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbUnd nur Dein positiver Einfluss hat die Ausrottung der Menschheit verhindert?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMach Dich nicht l\u00e4cherlich. Ich stand kurz davor, die Korken knallen zu lassen. Was interessiert mich die Menschheit?<br \/>\nMeine Mutter dachte, dass man der Menschheit noch eine letzte Chance geben sollte. Wie ich das sehe, habt ihr das voll versemmelt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbLeider wei\u00df ich was Du meinst. So wie wir mit der Erde umgehen, sollten wir wirklich mal einen Denkzettel verpasst bekommen.\u00ab<br \/>\nDer Zug ruckelte, als m\u00fcsste\u00a0er auf der Strecke ein paar Steine \u00fcberspringen. Winter blieb auf ihrem Platz fest. Dabei erweckte sie den Eindruck, dass der Wagon sich um sie herum bewegte, w\u00e4hrend sie den Ruhepol darstellte.<br \/>\nIch rutschte hingegen auf meinem Stuhl von einer Seite zur n\u00e4chsten.<br \/>\nNachdem ich mich, durch panisches Festkrallen an der Stuhllehne, gerade noch von einem schmerzhaften Besuch des Fu\u00dfbodens abhalten konnte, beruhigte sich die Fahrt wieder.<br \/>\nBesorgt sah ich Winter an. Sie l\u00e4chelte nur mild und sagte: \u00bbGenie\u00dft Du die Reise?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbNeben dem Hunger, kommt jetzt eine chaotische Fahrt hinzu. Es gibt Dinge in meinem Leben, die ich mehr genossen habe.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWir haben gerade so etwas wie eine Zeitzone \u00fcberquert. Jetzt werden wir wohl gleich da sein.\u00ab<br \/>\nMit ungl\u00e4ubigen Blick betrachtete ich ihre Mine. Sie zuckte mit den Schultern, so als h\u00e4tte sie gerade keine merkw\u00fcrdige Bemerkung von sich gegeben, und sagte: \u00bbErz\u00e4hl mir von Deinen Reisen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDa gibt es kaum etwas zu erz\u00e4hlen. Ich bin nicht gerade jemand, den man als Globetrotter bezeichnen w\u00fcrde. In meiner Kindheit reiste mich mit meinen Eltern. W\u00e4hrend meines Studiums reiste ich immer wieder nach Irland. Jetzt reisen wir in den Sommerferien mal hier und da hin.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch hoffe, dass der Zug jetzt h\u00e4lt, bevor mir von Deiner Langeweile noch die Fu\u00dfn\u00e4gel abfaulen.\u00ab<br \/>\nTats\u00e4chlich hielt der Zug an. Vor den Fenstern konnte ich einen wilden Urwald erkennen. Die Pflanzen waren so undurchdringlich, als h\u00e4tte man eine gr\u00fcne Tapete zwischen den Baumst\u00e4mmen aufgespannt.<br \/>\nDer Himmel, den man durch die Baumwipfel gerade noch erkennen konnte, sah merkw\u00fcrdig aus. Er hatte nicht den Blauton, den ich sonst von ihm kannte. Eigentlich f\u00e4llt es mir nicht leicht, dies zu beschreiben &#8211; er war einfach zu bunt.<br \/>\nMit einem Ruck erhob sich Winter und gab mir mit einer Handbewegung zu erkennen, dass ich mich beeilen sollte. Sie sagte: \u00bbBisher haben wir die Orte Deiner Fantasie besucht. Jetzt gehen wir mal einen Schritt weiter.\u00ab<br \/>\nAls wir drau\u00dfen standen, konnte ich meinen Sinnen nicht trauen. Die Luft war schwer. Sie roch nach Pflanzen und Dingen, die ich noch nie vorher gerochen hatte. Meine Lungen f\u00fchlten sich an, als w\u00fcrden sie sich mit einer z\u00e4hen Fl\u00fcssigkeit f\u00fcllen.<br \/>\nDie K\u00e4lte biss mir in die Haut und fuhr mir unter die Kleidung. Dabei erkannte ich nirgendwo eine Spur von Frost.<br \/>\nEntsetzt sah ich Winter an und sagte: \u00bbWo sind wir hier?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas hier ist einer der Lieblings-Orte meiner Mutter. Hier drau\u00dfen hat sie in der Regel ihre Ruhe, da niemand scharf ist, sie hier aufzusuchen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWarum machen wir es dann?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch k\u00fcmmere mich nicht darum, was andere tun oder nicht tun.\u00ab<br \/>\nMit erhobener Nase zog sie die Luft ein und lachte. Sie sah aus, als h\u00e4tte man sie aufgetaut, w\u00e4hrend ich nicht wusste, ob ich gleich festfrieren w\u00fcrde.<br \/>\nSie sagte: \u00bbMutter ist hier. Komm mit, wir gehen zu ihr.\u00ab<br \/>\nMeine Brust brannte. Ich hatte das Gef\u00fchl, das nur ein kleines Schnapsglas Luft bei jedem Einatmen in mich einstr\u00f6mte. Der Schwei\u00df, der sich auf meiner Haut durch die Anstrengung bildete, schien augenblicklich einzufrieren.<br \/>\nGanz langsam kroch die Panik an meinen Beinen nach oben.<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas ist nicht die Erde.\u00ab Meine Stimme h\u00f6rte sich anders an, als sonst. Sie hatte nicht ganz den gleichen Ton, den sie normalerweise hat. Vielleicht lag das allerdings auch, an dem monotonen Brummen, welches von allen Seiten auf uns einh\u00e4mmerte, als w\u00e4re man vor einem in sich zusammenbrechenden Staudamm gefangen.<br \/>\nWinter l\u00e4chelte mich weiter an. H\u00e4tte ich hier nicht gegen so viele Eindr\u00fccke gleichzeitig zu k\u00e4mpfen gehabt, ich h\u00e4tte ihr eine Faust zwischen die Lippen getrieben.<br \/>\nSie sagte: \u00bbStell Dich nicht so an. Das hier ist die Erde. Warum sollte Natur denn wo anders sein? Frag Dich nicht wo wir sind, sonder frag Dich, wann wir sind.\u00ab<br \/>\nEntsetzt schaute ich nach oben, wo das Brummen f\u00fcr eine Sekunde lang angeschwollen war.<br \/>\n\u00dcber mir in der Luft schwebte eine \u00fcbergro\u00dfe Libelle. Zumindest sah es im ersten Augenblick wie eine Libelle aus.<br \/>\nDas Vieh war mindestens ein Meter lang und hatte noch gr\u00f6\u00dfere Fl\u00fcgel. Au\u00dferdem war es so flink, dass ich kaum Zeit fand, es mir genauer anzusehen.<br \/>\nWinter zupfte an meinem \u00c4rmel und sagte: \u00bbWir sollten uns beeilen. Wenn Du willst, kannst Du auch im Zug warten.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWir sind so lange gereist &#8211; jetzt m\u00f6chte ich Deine Mutter kennenlernen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbHab ich mir gedacht. Wenn Du allerdings m\u00fcde werden solltest, musst Du mir das sagen. Au\u00dferdem schlaf dann nicht ein. Ich h\u00e4tte wenig Lust darauf, Deinen leblosen K\u00f6rper zur\u00fcckzutragen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDanke f\u00fcr den Tipp.\u00ab<br \/>\nDie Umgebung, die Ger\u00e4usche und Ger\u00fcche &#8211; alles f\u00fchlte sie surreal an. Ich erwartete an jeder Ecke eine schmelzende Uhr oder eine Burg auf einem auf die Spitze gestellten Stein. Winter schien aufzubl\u00fchen.<br \/>\nMit gro\u00dfen Schritten teilte sie den Vorhang aus Bl\u00e4ttern und Ge\u00e4st. Es war, als w\u00fcrden die Pflanzen ihr ausweichen.<br \/>\nBei dem Versuch Winter etwas zu der Umgebung zu fragten, bemerkte ich, dass meine Zunge am Gaumen festklebte. Ich bekam keinen Laut raus &#8211; so viel ich es auch versuchte.<br \/>\nWir waren vielleicht f\u00fcnf Minuten gelaufen, als wir an eine Leiter kamen, die ohne festen Halt in der Luft zu h\u00e4ngen\u00a0schien. Winter ergriff sie und zog sich an ihr nach oben.<br \/>\nTeilnahmslos sah ich ihr nach. Die Leite musste da oben irgendwo befestigt sein.<br \/>\nWinter rief von oben: \u00bbJetzt komm endlich. Wir werden nicht pro Stunde bezahlt. Also nimm die Beine in die Hand.\u00ab<br \/>\nAls meine H\u00e4nde nach der Leiter tasteten, dachte ich, dass ich daf\u00fcr \u00fcberhaupt gar nicht bezahlt wurde und dass ich eigentlich etwas besseres verdient h\u00e4tte. Aber so ist das ja immer mit dem Verdienen und Bekommen.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWir sind gleich da. Du kannst Dich dort etwas ausruhen und bekommst was zu essen. Ich hoffe nur, dass meine Mutter da ist. Sonst m\u00fcsste ich sie im Geb\u00fcsch aufsp\u00fcren.\u00ab<br \/>\nIch sah sie fragend an und sie erkannte die Frage auf Anhieb. Sie nickte und sagte: \u00bbIch bin mir sicher, dass sie hier ist. Ich wei\u00df nur noch nicht wo.\u00ab<br \/>\nW\u00e4hrend ich eine Sprosse nach der n\u00e4chsten nach oben kletterte, kam mir das kryptische Lied von Led Zepellin in den Kopf.<\/p>\n<blockquote><p>There\u2019s a lady who\u2019s sure all the glitters is gold<br \/>\nand she\u2019s bying a stairway to haeven<br \/>\nwhen she gets there, she knows if the stores are all closed,<br \/>\nwith a word she can get what she came for,<br \/>\nand she\u2019s buying a stairway to Heaven<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich dachte daran, dass der Text auf einem Plakat im Wohnzimmer eines guten Freundes hing. Ich hatte ihn einmal gefragt, warum er die Lyrics aufgeh\u00e4ngt hatte &#8211; sie w\u00fcrden doch keinen Sinn ergeben?<br \/>\nEr sagte mir, dass wenn man in der richtigen Stimmung sein musste, um den Text zu verstehen.<br \/>\nDas Lied ist wie ein Schloss, zu dem man den Schl\u00fcssel nicht hat. Oft dachte ich schon, ganz kurz davor zu sein, den Schl\u00fcssel greifen zu k\u00f6nnen. Ich dachte, dass er sich vor meinem Augen materialisierte.<br \/>\nDann war er wieder weg.<br \/>\nJe mehr ich dar\u00fcber nachdachte, desto weiter entfernte er sich.<br \/>\nMein Freunde konnte mir den Schl\u00fcssel nicht beschreiben oder n\u00e4herbringen. Man musste ihn selbst finden.<br \/>\nVielleicht waren es auch nicht die Worte. Der Schreiber hatte die Laute eines uralten Zauberspruchs nachbilden wollen. Der Zauberspruch beschwor etwas aus den tiefsten Tiefen oder h\u00f6chsten H\u00f6hen. Woher sollte jetzt meine Hilfe kommen, hier nirgendwo zwischen Himmel und H\u00f6lle?<br \/>\nPl\u00f6tzlich f\u00fchlte ich, wie ich am Arm hinauf gezogen wurde. Winter hob mich auf, wie einen Mantel und blickte mir kritisch in die Augen.<br \/>\nIch dachte weiter an den Schl\u00fcssel. Verdammte Axt, irgendwer muss mir das Ding doch \u00a0besorgen k\u00f6nnen.<br \/>\nWinter schlug mir zweimal mit flacher Hand gegen die Wangen.<br \/>\nIch zog die Luft in starken Z\u00fcgen ein. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich fast eingeschlafen w\u00e4re. Winter hielt mich an einer Hand.<br \/>\nDie Luft hier oben war einfacher zu atmen. Sie str\u00f6mte in mich ein, wie frisches Wasser in einen alten leckgeschlagenen \u00d6ltanker.<br \/>\nDie Stellen, die Winters Hand ber\u00fchrt hatten, brannten wie kalter Wind. Jetzt erst bemerkte ich wieder, wie kalt mir war.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbHier oben m\u00fcsstest Du wieder Atmen k\u00f6nnen. War sowieso eine Fehlentscheidung, s\u00e4mtliches Leben auf der Erde von Sauerstoff abh\u00e4ngig zu machen. Was sich Mutter dabei gedacht hat, wei\u00df ich nicht.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu kannst sie gleich danach fragen. Au\u00dferdem glaub ich nicht, dass es eine aktive Entscheidung Deiner Mutter gewesen war.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbAls Evolutions-J\u00fcnger glaubst Du ja nicht an den Quatsch von Sch\u00f6pfung. Vielleicht hatte meine Mutter ja tats\u00e4chlich keine Rolle in der Entwicklung. Aber eine bl\u00f6dsinnige Entwicklung war es auf jeden Fall.\u00ab<br \/>\nMeine Kr\u00e4fte schwebten zur\u00fcck in meinen K\u00f6rper. Das Lied, an das ich gerade noch gedacht hatte, verschwand aus meinem Geist.<br \/>\nIch sagte: \u00bbLass uns Deine Mutter finden. Ich hab Hunger.\u00ab<br \/>\nWinter lachte kurz auf und sagte dann: \u00bbEin paar Augenblicke vor dem sicheren Tod zu stehen, bereitet Dir wohl einen gro\u00dfen Appetit.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas Gef\u00fchl hatte ich schon vorher. Das Atmen hat mich nur erneut daran erinnert.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbErinnern ist in Deinem Fall wohl recht notwendig.\u00ab<br \/>\nWinter hielt immer noch meine Hand, w\u00e4hrend sie sich umdrehte und mich mit sich zog. Sie sagte: \u00bbWir sind ganz nah. Mutter ist hier gleich um die Ecke. Ich kann es f\u00fchlen.\u00ab<br \/>\nIch schaute mich um. Wir standen auf breiten \u00c4sten, die mit ihrem Bl\u00e4tterwerk einen Fu\u00dfboden gebildet hatten. Durch ganz kleine Spalten konnte ich nach unten blicken.<br \/>\nIch konnte die genaue H\u00f6he nicht absch\u00e4tzen, aber meine Sinne sagten mir, dass ich nicht noch einmal runterschauen sollte. Sonst hab ich eigentlich keine Probleme mit H\u00f6henangst, aber das hier stellte alles andere in den Schatten.<br \/>\nDie Unsicherheit, dass ich jeder Zeit durch eine L\u00fccke nach unter gelangen konnte, machte mir nicht unbedingt Mut.<br \/>\nWinter schien daran jedoch weniger Gedanken zu verschwenden. Sie hatte mich weiter an der Hand. Wie einen kleinen Schuljungen auf dem Weg zum Direktor, folgte ich ihr, bis wir an eine T\u00fcr kamen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas ist jetzt zu bl\u00f6d. Wer baut denn bitte eine T\u00fcr in eine Baumkrone? Irgendwie scheine ich wohl weiter zu halluzinieren.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbHalt einfach die Klappe und bestaune Deine Umgebung in der Stille. Besonders solltest Du vor meiner Mutter den Mund halten.<br \/>\nSie wird sowieso nicht so angetan davon sein, dass ich ihr einen Affen mitgebracht habe.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbVielleicht kann ich f\u00fcr meine Art ja ein gutes Wort einlegen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbGlaub mir, Du bist der beste Beleg daf\u00fcr, dass es besser w\u00e4re, euch alle auszurotten. Wenn Du jetzt auch noch Deiner Zunge freie Bahn l\u00e4sst, wird sie die Sache noch forcieren wollen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDann halte ich die Klappe.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbBesser w\u00e4re das auf jeden Fall.\u00ab<br \/>\nDie Mutter Erde sa\u00df auf einem Sitzkissen und t\u00e4tschelte den Kopf eines gigantischen Wesens. Der K\u00f6rper der Kreatur war unter der Baumkrone versteckt. Alleine das Maul des Riesens war so gro\u00df, dass ich bequem darin herumspazieren h\u00e4tte k\u00f6nnen.<br \/>\nWinter sagte: \u00bbHallo Mutter. Ich sehe, Du spielst schon wieder mit Deinen Lieblingstieren?\u00ab<br \/>\nDie alte Dame mit den wei\u00dfen Haaren drehte sich in Zeitlupe zu Winter. Ihr Blick war ausdruckslos. Ihre Augen blitzten, als sie Winter ansah.<br \/>\nDie Worte kamen verz\u00f6gert und langsam. Die Stimme war viel zu tief, f\u00fcr die zierliche Alte, die mir gegen\u00fcbersa\u00df. Sie sagte: \u00bbHallo mein Schatz. Ich hatte nicht damit gerechnet, Dich hier zu sehen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbEigentlich h\u00e4tte ich das Treffen auch gerne verschoben, aber man sagte mir, dass Du krank bist.\u00ab<br \/>\nIn Mutter Natur schien etwas aufzukochen. Mir kam es so vor, als w\u00fcrden ihre grauen Haare zu Berge stehen und Feuer aus ihren Augen lodern.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDiese verdammten Parasiten zerst\u00f6ren alles. Sie zertreten das, was war und machen unm\u00f6glich, was kommen k\u00f6nnte. Sie sind wie ein \u00fcbergro\u00dfes Krebsgeschw\u00fcr.\u00ab<br \/>\nMir wurde flau. Natur hielt mich jetzt mit ihren Blicken fest. Sie sagte: \u00bbDu hast sogar noch einen der Schmarotzer mitgebracht. Was denkst Du Dir eigentlich dabei?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch habe ihn dressiert. Jetzt ist er handzahm. Au\u00dferdem hast Du doch auch Deine Lieblingstiere, an denen Du h\u00e4ngen geblieben bist.\u00ab<br \/>\nNatur sagte: \u00bbEs war ein verdammter Unfall, der meine Lieblinge ausgel\u00f6scht hat.\u00ab<br \/>\nWinter l\u00e4chelte und sagte: \u00bbKomm schon, auf Kurz oder Lang h\u00e4tten sich die Tiere auch selbst \u00fcberlebt. Sie waren einfach zu gro\u00df. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen.\u00ab<br \/>\nNatur sagte: \u00bbIch bin einfach zu schwach geworden. Sie sind kurz davor mich platt zu machen &#8211; und dabei mag ich meine Kurven. Sie brauchen nur auf einen Knopf zu dr\u00fccken und ich w\u00fcrde mich nie mehr davon erholen. Das ist einfach nicht fair.\u00ab<br \/>\nWinter zog die Augenbrauen hoch, als sie sagte: \u00bbDir kam es noch nie auf Fairness an. Warum kommst Du mir bitte jetzt damit. Wie war das noch mit dem \u00dcberleben des St\u00e4rksten?\u00ab<br \/>\nNatur sah sehr m\u00fcde aus. Sie drehte sich erneut zu dem Kopf in der Gr\u00f6\u00dfe eines Kleinwagens und t\u00e4tschelte dem Tier die Wangen.<br \/>\nWinter drehte sich zu mir um und sagte etwas zu laut und betont: \u00bbWei\u00dft Du jetzt, welche Probleme ich mit meiner Familie habe? Der eine treibt sich mit fremden Frauen rum und die andere zeigt so viel Einsicht, wie eine Backsteinmauer.\u00ab<br \/>\nBei den Worten drehte sich Natur blitzschnell um und sagte: \u00bbWer war bei Deinem Vater? Bestimmt Meer, die alte Hexe. Ich hatte ihr verboten, ihn zu sehen, wenn ich nicht da bin.\u00ab<br \/>\nWinter zuckte mit den Achseln. Sie fl\u00fcsterte in meine Richtung: \u00bbMan muss sie nur auf Dinge bringen, die sie ablenkt. Das klappt immer.\u00ab Dabei zwinkerte sie mir zu &#8211; ich f\u00fchlte mich f\u00fcr einen Augenblick wie ein Mitverschw\u00f6rer.<br \/>\nZu ihrer Mutter gewandt sagte Winter: \u00bbJetzt erz\u00e4hl mir endlich, was Du hast. Vielleicht kann ich Dir ja helfen.\u00ab<br \/>\nNatur sch\u00fcttelte den Kopf. Sie sagte: \u00bbDu k\u00f6nntest Deinen Vater zur Besinnung bringen. F\u00fcr mich kannst Du allerdings nichts machen. Die Menschen rauben mir den letzten Nerv. Ich habe einfach keine Lust mehr. Irgendwann m\u00f6chte man meinen, ist endg\u00fcltig Schluss.\u00ab<br \/>\nWinter l\u00e4chelte mild. Sie sagte: \u00bbApropos Menschen &#8211; meiner hat Hunger. Du hast nicht zuf\u00e4llig etwas f\u00fcr ihn?\u00ab<br \/>\nNatur sah mich erneut pr\u00fcfend an. Dann sagte sie: \u00bbGeh durch die T\u00fcr. Ich habe dr\u00fcben Einiges liegen. Bedien Dich ruhig.\u00ab<br \/>\nSie nickte in Richtung einer T\u00fcr, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte.<br \/>\nWinter schob mich zu der T\u00fcr. Sie \u00f6ffnete sie mit einer Hand und dr\u00fcckte mich mit der anderen in das Zimmer hinein.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWarte hier, bis ich mich mit Mutter unterhalten habe. Nimm Dir einfach etwas, setzt Dich hin und iss. Ich komm dann, wenn ich fertig bin.\u00ab<br \/>\nMit diesen Worten schloss sie die T\u00fcr hinter mir.<br \/>\nIch stand in einem kleinen Zimmer, in dessen Mitte ein Tisch mit zwei St\u00fchlen stand. Der Tisch war mit Nahrungsmitteln \u00fcberh\u00e4uft. Nat\u00fcrlich waren die Lebensmittel unbehandelt. Rohe Kartoffeln, M\u00f6hren, \u00c4pfel &#8211; ich erkannte von jeder Art von Gem\u00fcse und Obst mindestens ein Exemplar.<br \/>\nDaneben lagen noch andere Dinge, die ich nicht kannte.<br \/>\nIch \u00fcberlegte etwas l\u00e4nger. Im Grunde bin ich ein neugieriger Typ. Wenn ich etwas im Supermarkt mit dem Etikett \u203aneu\u2039 sehe, muss ich zwangsl\u00e4ufig zuschlagen. Es sei denn es sind Dinge, die mir nicht schmecken oder passen w\u00fcrden. Was soll ich z.B. mit einem Paket \u203aneuer\u2039 Damenbinden?<br \/>\nAuf der anderen Seite fragte ich mich, ob Mutter Natur mir die Sachen absichtlich hingelegt hatte. Wenn sie das Zeug auf den Tisch legte, im Wissen, dass ich es finden w\u00fcrde, was waren dann ihre Intentionen?<br \/>\nNachdem ich an vorhin dachte, war sie ja nicht gerade gut auf uns zu sprechen. Wenn sie alle Menschen ausrotten wollte, w\u00fcrde sie dann mit mir anfangen? Vielleicht sogar an mir proben?<br \/>\nAuf der anderen Seite k\u00f6nnte das Zeug hier einfach so rumliegen. Vielleicht hatte Natur nur ihre Sammlung ausgestellt. Die besten Exponate, die sie finden konnte. Wenn ich mich dann daran vergriff?<br \/>\nSammelte sie vielleicht auch giftige Fr\u00fcchte und Gem\u00fcsesorten?<br \/>\nGanz am Rand lag ein Pilz, der mir irgendwie merkw\u00fcrdig vorkam.<br \/>\nVielleicht wollte mir Natur auch einen \u00dcberblick \u00fcber die Reichhaltigkeit ihrer K\u00fcnste durch alle Zeitepochen geben.<br \/>\nVerzweifelt griff ich nach einer Orange und biss ein Loch in die Schale. Wenn man so im Ungewissen gehalten wird, sollte man sich auf sichere Sachen besinnen.<br \/>\nDie Orange in meinen H\u00e4nden, war die beste Orange, die ich je gegessen hatte. Sie war saftig und nicht zu s\u00fc\u00df und nicht zu sauer. Perfekt im Geschmack &#8211; einfach sauberer und besser als die Supermarktwahre.<br \/>\nDas war kein Wunder, wenn man bedachte, wo ich im Moment war.<br \/>\nDie T\u00fcr \u00f6ffnete sich und ein M\u00e4dchen kam in die K\u00fcche.<br \/>\nSie war zun\u00e4chst \u00fcberrascht mich zu sehen. Dann kicherte sie, wie das nur M\u00e4dchen in l\u00e4cherlichen Kinderfilmen k\u00f6nnen. Dabei war sie diesem Alter definitiv entwachsen. Wobei ich es schlecht sch\u00e4tzen konnte. Ich habe schon mehrfach M\u00e4dchen in diesem Alter als Fahrerin von Autos gesehen und war jedesmal \u00fcberrascht.<br \/>\nIhre Kleidung sah aus, als h\u00e4tte sie sie bei Woolworth im Ausverkauf der Karnevalsabteilung vom W\u00fchltisch geklaut. Selbst eingefleischte Hippies w\u00e4ren sofort an Augenkrebs erblindet.<br \/>\nIhre Z\u00e4hne blitzten hell und die blonde M\u00e4hne wehte durch den halben Raum.<br \/>\nVerwirrt blickte ich an ihr hinab. Sie war verdammt knapp bekleidet, f\u00fcr die kalten Temperaturen. Au\u00dferdem find ich es unpassend, wenn sich M\u00e4dchen lasziv kleiden, auch wenn dieses hier ihre Pubert\u00e4t anscheinend schon hinter sich gelassen hatte.<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch hatte niemand hier erwartet.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbFreut mich auch dich kennenzulernen. Nach allem was ich wei\u00df, w\u00fcrde ich darauf wetten, dass Du Fr\u00fchling bist.\u00ab<br \/>\nErneut schallte das Klein-Kinder-Lachen durch die K\u00fcche, was bei mir eine G\u00e4nsehaut ausl\u00f6ste.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu hast tats\u00e4chlich gut geraten. Wahrscheinlich bist Du der Kerl, von dem mir Herbst erz\u00e4hlt hat.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbHerbst hat von mir gesprochen?\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling l\u00e4chelte mich breit an und sagte: \u00bbAuch wenn er sonst nichts sagt, von Dir hat er mir auf jeden Fall erz\u00e4hlt.\u00ab<br \/>\nIch lehnte mich erneut \u00fcber den Tisch. Eine rote Frucht weckte mein Interesse. Sie war etwa doppelt so gro\u00df wie eine Kirsche und roch fruchtig.<br \/>\nFr\u00fchling beobachtete mich sp\u00f6ttisch.<br \/>\nIch sagte: \u00bbSind die Sachen hier giftig?\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling sagte: \u00bbAlle Dinge auf dem Tisch sind f\u00fcr Dich essbar.\u00ab<br \/>\nMisstrauisch sah ich ihr in die Augen. Ein L\u00e4cheln huschte \u00fcber ihr Gesicht, wie ein Monster, dass nur kurz unter dem Bett hervorlugt.<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch wollte nicht wissen, ob die Sachen essbar sind. Ich wollte wissen, ob sie giftig sind.\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling lachte kurz auf und sagte: \u00bbKein Problem. Du wirst an keinem davon sterben.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe auch keine Lust auf einen unendlich langen Schlaf oder andere existenzielle Probleme.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbNimm ruhig, was Du willst. Vielleicht verzichtest Du auf den Pilz da in der Ecke, da Du ja nicht unendlich lang schlafen m\u00f6chtest, aber sonst ist alles prima.\u00ab<br \/>\nDie rote Frucht schien mich anzuziehen. Meine Neugier war geweckt. Die Frucht zwischen den Fingern haltend sagte ich: \u00bbWas ist das denn hier?\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling sagte: \u00bbDie B\u00e4ume sind schon seit ein paar tausend Jahren eingegangen. Eigentlich schade, ich habe die Roten immer gern gegessen.\u00ab<br \/>\nDer Geruch war wirklich \u00fcberw\u00e4ltigend. Es war s\u00fc\u00df und fruchtig mit einer Note, die mich an den K\u00e4sekuchen meiner Mutter erinnerte, den ich immer am liebsten gegessen habe.<br \/>\nMein Mund \u00f6ffnete sich.<br \/>\nEine traurige Stimme sagte: \u00bbDas w\u00fcrde ich lassen. Sterbliche bekommen davon Halluzinationen. Du w\u00fcrdest das nicht wollen. Auch wenn dann die Welt etwas besser w\u00e4re.\u00ab<br \/>\nIch fuhr herum und erblickte Herbst.<br \/>\nH\u00e4tte er auch nur ein wenig Coolness gehabt, h\u00e4tte er in der T\u00fcr gelehnt. Doch Herbst stand mit h\u00e4ngendem Kopf in der \u00d6ffnung und wirkte deplatziert, so wie ein Kind, welches man \u00fcber Nacht im Kinderparadies vergessen hatte und welches jetzt hinter der verschlossenen Glast\u00fcr steht und auf seine Mutter wartet.<br \/>\nFr\u00fchling sagte: \u00bbDu g\u00f6nnst mir doch keinen Spa\u00df.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch hatte Dich doch extra danach gefragt, ob das Zeug gef\u00e4hrlich ist.\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling sagte: \u00bbDu hattest nicht nach Halluzinationen gefragt.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00a0\u00bbHalluzinogene Drogen sind nichts f\u00fcr mich. Ich habe in meinem Leben schon zu viele Leute getroffen, die von ihrem Trip niemals runtergekommen sind. Einer spricht immer noch mit Engeln und der andere versucht zu verhindern, dass die Eichh\u00f6rnchen die Welt \u00fcbernehmen. Arme Typen, wenn Du mich fragst.\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling lachte und sagte: \u00bbBei den Roten ist H\u00e4ngenbleiben ausgeschlossen. Deshalb sind sie ja so gut.\u00ab Ich sah Herbst an, der mir m\u00fcde zunickte.<br \/>\nFr\u00f6hlich h\u00fcpfte Fr\u00fchling auf einem Bein und wirbelte einmal um ihre eigene Achse.<br \/>\nIn der Zeit in der sie sich um sich selbst k\u00fcmmerte, steckte ich die Frucht in die Seitentasche meiner Jacke. Wer wei\u00df, wann man das noch gebrauchen konnte.<br \/>\nHerbst war in der Zwischenzeit n\u00e4her gekommen und hatte meine Schulter ergriffen. Er sagte: \u00bbIch habe Dich wirklich vermisst.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbH\u00e4tte nicht gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen.\u00ab<br \/>\nEr sagte: \u00bbWir sind so schnell gekommen, wie wir konnten. Mutter hat uns ja gerufen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDann fehlt nur noch Dein Bruder Sommer?\u00ab<br \/>\nHerbst sch\u00fcttelte traurig den Kopf und sagte: \u00bbAch mit dem ist nicht zu rechnen. Wahrscheinlich hat er noch nicht einmal die Einladung bekommen. Soweit ich wei\u00df ist er gerade in Australien Surfen. Dabei l\u00e4sst er sich nie st\u00f6ren.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas wird Deine Mutter aber belasten.\u00ab<br \/>\nHerbst sagte: \u00bbEr kommt sowieso zu sehr nach Vater. Mutter wird gar nicht bemerken, dass er fehlt.\u00ab<br \/>\nNachdem ich Fr\u00fchling kurzzeitig dabei zusah, wie sie sich mit sich selbst besch\u00e4ftigte &#8211; ich konnte immer noch nicht fassen, dass diese Frau bald meine Begleitung seien sollte &#8211; drehte ich mich erneut zu Herbst.<br \/>\nEr sah genauso schlecht gelaunt aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Seine Augenringe waren nicht kleiner geworden und sein Haar hing ihm immer noch schlaff die Stirn hinunter.<br \/>\nWar hier eigentlich hinunter oder herunter der richtige Terminus? Das hat was damit zu tun, ob man oben steht und runter kommt oder unten steht und etwas runter kommen sieht.<br \/>\nSoweit war ich mir sicher. Aber wie m\u00fcsste es bei Haaren richtig hei\u00dfen?<br \/>\nHerbst sah mich an und sagte: \u00bbDu scheinst verwirrt zu sein. Hat Dich meine Schwester durcheinandergebracht?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWelche meinst Du jetzt? Die die gerade Kreisel spielt oder den Drachen, in dessen N\u00e4he ich nicht einschlafen m\u00f6chte, weil sie mir sonst vielleicht ein Kissen aufs Gesicht n\u00e4ht?\u00ab<br \/>\nHerbst sagte: \u00bbWie ich sehe, kommt ihr sehr gut miteinander aus. Fast schon besser als wir ausgekommen sind.\u00ab<br \/>\nBeim letzten Satz kam er mir noch ungl\u00fccklicher vor, als sonst. Wobei \u203aungl\u00fccklich\u2039 bei Herbst tats\u00e4chlich endlos steigerungsf\u00e4hig war.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs gibt einige Leute, die meinen, dass wir prima zusammen funktionieren. Allerdings glaub ich, dass wir \u00e4hnlich gut harmonisieren, wie eine brennende Zigarette und eine Dynamitstange.\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling t\u00e4nzelte auf mich zu. Sie hatte ein breites L\u00e4cheln im Gesicht\u00a0und weckte in mir gr\u00f6\u00dfere Verunsicherung, als dies eine riesige Spinne auf meiner Bettdecke schaffen w\u00fcrde. Dazu muss ich sagen, dass mich Spinnen zwar faszinieren, mich jedoch vor dem Gedanken graust, eines dieser Tiere zu ber\u00fchren.<br \/>\nSie lachte mir direkt ins Gesicht und sagte: \u00bbIch freue mich schon auf unsere Zeit, mein Schatz.\u00ab<br \/>\nWenn ich mit jemand ein paar Jahre meines Lebens teile, habe ich grunds\u00e4tzlich nichts dagengen, wenn dieser Mensch mich Schatz nennt. Wenn mir eine Wildfremde diesen Titel verpasst, wei\u00df ich nicht genau, was sie damit bezwecken will.<br \/>\nIch sagte: \u00bbToll!\u00ab, und legte so wenig Emotion in dieses Wort, wie ich gerade noch vermeiden konnte.<br \/>\nSie lachte glockenhell auf. Was auch immer diese Frau vorher genommen hatte, ich wollte es nicht nehmen. Das schien mir auf jeden Fall ungesund zu sein.<br \/>\nHerbst sagte: \u00bbDu wirst ihre Gegenwart genie\u00dfen.\u00ab<br \/>\nDabei schob er die einzelnen Worte mit so viel Elan \u00fcber die Zunge, dass es eher nach einer Warnung klang. Die W\u00f6rter h\u00f6rten sich an, als w\u00fcrden sie sich von seiner Lippe in den Freitod st\u00fcrzen.<br \/>\nIch nickte ihm zu und sagte: \u00bbDas glaub ich auch.\u00ab<br \/>\nLeiser f\u00fcgte ich hinzu: \u00bbIst die immer so?\u00ab<br \/>\nHerbst sagte: \u00bbKeine Angst. Manchmal ist sie schlimmer.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas hatte ich bef\u00fcrchtet. Warum ist die so?\u00ab<br \/>\nHerbst sagte: \u00bbWomit verbindest Du den Fr\u00fchling?\u00ab<br \/>\nF\u00fcr einen Moment schwieg ich und dachte nach. Die Fr\u00fchlingsgef\u00fchle fielen mir recht zeitig ein.<br \/>\nIch sagte: \u00bbJetzt kann ich mir vorstellen, was auf mich zukommt.\u00ab<br \/>\nHerbst nickte nur.<br \/>\nWinter kam durch die T\u00fcr. Sie sah ver\u00e4rgert aus.<br \/>\nAls sie ihre beiden Geschwister sah, drehte sie sich zu mir und sagte: \u00bbLass uns hier abhauen. Ich kann sowieso nichts machen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbJetzt willst Du schon gehen? Es wird doch gerade lustig.\u00ab<br \/>\nWinter nickte Herbst zu. Irgendwie lagen unausgesprochene Worte in der Luft, so als h\u00e4tte man sie greifen k\u00f6nnen.<br \/>\nSelbst Fr\u00fchling hielt einen Augenblick inne und sah Winter an.<br \/>\nDann sagte Fr\u00fchling: \u00bbMutter wird sich schon wieder einkriegen. Das hat sie bisher immer. Ich kann\u00a0ja gemeinsam mit ihr meditieren, um ihre\u00a0innere Ruhe wiederzufinden.\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf und lie\u00df dabei den Kopf h\u00e4ngen. Sie sagte: \u00bbDas erinnert mich daran, dass\u00a0Du den Leuten die\u00a0Hom\u00f6opathie eingeredet hast. Die Menschheit ist immer noch ganz wild darauf.\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling lachte und sagte: \u00bbEs funktioniert doch auch.\u00ab<br \/>\nWinter verdrehte die Augen und sagte: \u00bbDer Glaube kann Berge versetzen. Allerdings ist es anschlie\u00dfend schwierig sich von den eingebildeten Bergen zu befreien, die man im Geist auf sich niederprasseln lie\u00df.\u00ab<br \/>\nFr\u00fchling sagte: \u00bbDu bist viel zu negativ.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbHat keinen Sinn zu diskutieren. Denk daran, dass Du in ein paar Tagen \u00fcbernehmen musst.\u00ab<br \/>\nSie drehte sich zu mir um und sagte: \u00bbLass uns hier verschwinden. Ich habe wirklich keine Lust auf diese Gesellschaft.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbUnd was wird aus Deiner Mutter?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDie wird sich schon beruhigen. Gib ihr ein paar Jahrtausende und sie ist wieder ganz die Alte.\u00ab<br \/>\nIch verabschiedete mich von Herbst. Es war sch\u00f6n gewesen, ihn so fr\u00fch wiederzusehen, auch wenn mir seine depressive Art oft nervte.<br \/>\nAls ich seine Hand gesch\u00fcttelte hatte, die sich wie ein nasser Fisch anf\u00fchlte, drehte ich mich zu Fr\u00fchling um.<br \/>\nOhne dass ich es gemerkt hatte, war sie n\u00e4her geschwebt.<br \/>\nSie stand kaum eine Nasenl\u00e4nge von mir entfernt und machte Anstalten mich zu umarmen. Instinktiv wich ich einen Schritt zur\u00fcck.<br \/>\nDadurch lie\u00df sie sich nicht irritieren. Wie ein wehender Umhang umfing sie mich. Leicht hauchend, kaum zu verstehen, sagte sie: \u00bbWir sehen uns in ein paar Tagen. Ich werde Dich besuchen.\u00ab<br \/>\nEtwas irritiert sagte ich: \u00bbIch freue mich\u00a0darauf.\u00ab<br \/>\nMit einem Ruck zog mich Winter aus der Umarmung. Ihren Geschwistern schleuderte sie zum Abschied lediglich eine Hand in die Luft\u00a0und wir verlie\u00dfen den Raum.<br \/>\nKaum hatten wir das Zimmer verlassen, sah sie mich an und sagte: \u00bbDu freust Dich doch nicht wirklich darauf, die Wetterhexe \u00f6fter zu sehen?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas soll Mann\u00a0denn in so einer Situation anderes sagen? Irgendwie kam\u00a0das einer sexuellen Bel\u00e4stigung ziemlich nah.\u00ab<br \/>\nWinter zog die Brauen hoch und sagte: \u00bbEigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ihr M\u00e4nner gar nicht sexuell bel\u00e4stigt werden k\u00f6nnt. Es geh\u00f6rt doch zu eurer Natur, eher die T\u00e4ter- als die Opferrollen anzunehmen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch f\u00fchle mich gerade ausgenutzt.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbAber ihr steht doch darauf!\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch mag es einfach nicht, wenn mir wildfremde Menschen zu nahe kommen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: &#8222;Du kannst im Zug heulen, wenn Du das willst. Jetzt sollten wir erst einmal zur\u00fcck.&#8220;<br \/>\nMutter Natur hatte sich\u00a0in irgendein anderes Zimmer verzogen. \u00dcber diesen Umstand war ich weniger traurig. Bei ihrer ausgepr\u00e4gten Misanthropie k\u00f6nnte ich ein weiteres Treffen gerne vermeiden.<br \/>\nWinter ging zur Leiter und sah hinunter.<br \/>\nSie drehte sich zu mir und sagte: \u00bbIch habe Mutter gebeten, dir den R\u00fcckweg etwas ertr\u00e4glicher zu gestalten.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas hat sie gesagt?\u00ab<br \/>\nSie zog die Lippen kraus und sagte: \u00bbKeine Chance. Sie meint, dass es ihr v\u00f6llig egal ist, ob ein Mensch mehr oder weniger auf dem Planeten wohnt. Sie w\u00fcrde jetzt nicht damit anfangen, sich Sorgen \u00fcber Einzelne zu machen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIrgendwie kommt mir ihre Einstellung bekannt vor.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbIch werde vorgehen. Wenn ich merke, dass Du an mir vorbeifliegst, werde ich laut rufen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWird mich das denn retten?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbNicht im Geringsten. Aber es wird mir Spa\u00df machen, Dich beim Fallen anzufeuern.\u00ab<br \/>\nDann nahm sie die Leiter und ging eilig die Sprossen hinunter.<br \/>\nIch folgte ihr.<br \/>\nSchon nach wenigen Metern merkte ich, wie das Atmen schwieriger wurde. Mit aller Macht zwang ich mich dazu, mich weiter zu konzentrieren.<br \/>\nMeine Gedanken drehten sich gleichzeitig um sehr viele Dinge, wie ein Rollschuhl\u00e4ufer, der auf dem Dach eines Kettenkarussells seine Runden dreht.<br \/>\nEin Schmunzeln lag auf meinem Gesicht, als ich das Bild vor meinen Augen sah. Der Typ muss sehr schnell fahren, um wirklich Runden zu drehen.<br \/>\nVon unten sagte Winter: \u00bbIst nicht mehr so lang. Wenn Du noch ein wenig aush\u00e4ltst, kommen wir heil runter.\u00ab<br \/>\nIch dachte nur &#8211; Rollschuhfahrer!<br \/>\nWie ich zum Zug gekommen bin, kann ich nicht mehr beschreiben. Irgendwann sa\u00df ich auf jeden Fall im Abteil gegen\u00fcber von Winter.<br \/>\nIhre Mine war wie versteinert und sie sah aus dem Fenster.<br \/>\nIch sagte: \u00bbIst wohl nicht so gut gelaufen mit Deiner Mutter.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbMeine Eltern sind komisch. Auf der einen Seite lauf ich sofort los, wenn sie rufen, auf der anderen Seite m\u00f6chte ich rennen, wenn ich da bin. Gl\u00fccklich haben mich diese Besuche noch nie gemacht.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs geht auch vielen Menschen so. Eigentlich ist es merkw\u00fcrdig, dass die Beziehung von Eltern zu Kindern h\u00e4ufig so komisch ist. Schlie\u00dflich verbringen sie einen gro\u00dfen Teil des Lebens zusammen und teilen sogar die gleiche Genetik.\u00ab<br \/>\nNachdenklich blickte Winter nach drau\u00dfen. Sie sagte: \u00bbVielleicht hat das einen evolution\u00e4ren Grund. Die Kinder sollten sich m\u00f6glichst weit von den Eltern entfernen, um ihre Sippe \u00fcber die ganze Welt zu verstreuen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbGlaub ich nicht. Ich hab mal gelesen, dass Frauen \u00e4lter werden als M\u00e4nner, weil sie die Funktion haben, sich um die Enkel zu k\u00fcmmern. Das geht ja nicht, wenn man nicht in der N\u00e4he wohnt.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDann sollte die Beziehung zwischen Eltern und Kinder eigentlich anders sein, als sie in meiner Familie ist. Allerdings sind wir ja keine Sterbliche. Vielleicht macht uns das ja zu etwas ganz Besonderen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch kenne zu viele Familien, in denen die Beziehungen zwischen Eltern und Kind belastet sind. Bei mir ist das zum Gl\u00fcck nicht der Fall, aber ich kann Dir Geschichten erz\u00e4hlen&#8230;\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbBrauchst Du nicht. Kenn ich alles. Immer das gleiche &#8211; man k\u00f6nnte meinen, dass ihr von uns abgeschaut habt.\u00ab<br \/>\nWinter sah mich an und sagte: \u00bbHast Du nicht irgendeine nette Geschichte, mit der Du mich ablenken kannst?\u00ab<br \/>\nKurz \u00fcberlegte ich. Es gab kaum Geschichten, in denen ich mich nicht irgendwie zum Affen machte.<br \/>\nIch sagte: \u00bbAm\u00fcsant war der\u00a0Geburtsvorbereitungskurs zum\u00a0zweiten Baby.<br \/>\nSchlussendlich hatten wir es nicht hinbekommen, vor dem ersten Kind so etwas zu besuchen. Eigentlich macht man sich in solchen Kursen sowieso nur panisch.<br \/>\nAuf die Frage an die Hebamme w\u00e4hrend das erste Kind zur Welt kam, welche Elter sie als Kundschaft am wenigsten bevorzugt, kam sofort die Antwort: \u203aDie Gebildeten &#8211; die haben sich zur Vorbereitung schon so sehr durch B\u00fccher und Kursen geschult, dass die Frau dann v\u00f6llig \u00fcberrascht von den Schmerzen, ihrem Mann schreckliche Dinge an den Kopf wirft, die kein Mensch je h\u00f6ren m\u00f6chte.\u2039<br \/>\nLetztendlich hatten wir uns trotzdem zum Kurs angemeldet, allein aus einer Laune heraus, dass das lustig werden k\u00f6nnte und wir einen Grund hatten, unser erstes\u00a0Kind an dem Tag an Verwandte abzuschieben.<br \/>\nSchon als wir den Raum betraten, galten wir als Streber. Ehrf\u00fcrchtig lauschte man unseren Erkl\u00e4rungen, als w\u00e4ren wir die einzigen Erleuchteten in einem Raum voller ausgebrannter Gl\u00fchmittel. Es gibt nicht viele Dinge, bei denen man, wenn man sie nur einmal erledigt, gleich als Meister gilt.<br \/>\nDas Publikum war ebenso grandios.<br \/>\nDa war zun\u00e4chst ein junges M\u00e4dchen, die nicht genau wusste, ob der baldige Vater \u00fcberhaupt das Kind sehen wollte.<br \/>\nDann ein gleichgeschlechtliches P\u00e4rchen, von denen diejenige ohne Kinderzuschlag neidisch auf diejenige mit\u00a0zu seien\u00a0schien. Au\u00dferdem war der Zuwachs anscheinend nicht vorher abgesprochen worden, was zu zus\u00e4tzlichen, allerdings sehr unterhaltsamen Dialogen f\u00fchrte.<br \/>\nIch erz\u00e4hlte weiter: \u00bbNeben den etwas auff\u00e4lligeren Exemplaren waren noch zwei oder drei weitere P\u00e4rchen in der Runde, die allerdings in meiner Erinnerung l\u00e4ngst\u00a0verblasst sind.<br \/>\nNur ein Vater stellte\u00a0eine l\u00f6bliche Ausnahme zum Einheitsbrei dar, in dem er steif und fest behauptet, grunds\u00e4tzlich in Ohnmacht zu fallen, sobald er F\u00e4kalien sehen w\u00fcrde. Er fragte mich, ziemlich ernst blickend, wie ich denn Windeln wechseln w\u00fcrde.<br \/>\nIch sagte ihm, dass ich es normalerweise mit den H\u00e4nden mache. Mit dem Mund h\u00e4tte man hinterher immer einen merkw\u00fcrdigen Beigeschmack.<br \/>\nEntsetzt sah er mich an und f\u00fcr einen Augenblick hatte ich dass Gef\u00fchl, dass er hinten\u00fcberkippen w\u00fcrde.<br \/>\nNach der Frage versuchte ich, immer in der N\u00e4he des gleichgeschlechtlichen P\u00e4rchens zu bleiben, da deren Unterhaltung mir wesentlich interessanter vorkam.<br \/>\nDer weicheirige Vater war \u00fcbrigens am zweiten Tag nicht mehr im Kurs. Wahrscheinlich hatte ihm die Diskussion \u00fcber hypothetische Ausscheidung seines Erbens f\u00fcrs Leben gereicht. Wahrscheinlich hatte\u00a0er sich noch am gleichen Tag ins Ausland abgesetzt. Ich hab die werdende Mutter nicht gefragt.<br \/>\nUnsere Kursleiterin war eine New Age G\u00f6ttin, die sich\u00a0anscheinend vorher Beruhigungstee\u00a0intraven\u00f6s verabreicht hatte. Die Gute schwebte mehr, als dass sie noch Bodenhaftung aufwies.<br \/>\nDie Meditations\u00fcbungen zum sanften Grunzen geschlechtsreifer Wale werden mir wohl immer in Erinnerungen bleiben. Der Kursleiterin werden hingegen meine spitzen Kommentare im Kopf bleiben.<br \/>\nAm Ende von zwei, f\u00fcr sie etwas anstrengenden, f\u00fcr mich sehr entspannten Tagen, fragte sie mich nach jedem Satz, ob ich noch etwas hinzuzuf\u00fcgen h\u00e4tte. Ich glaub, dass ihre \u00c4u\u00dferung, dass &#8218;meine Sp\u00e4\u00dfe ganz toll w\u00e4ren&#8216;, ironisch gemeint war. Gelacht hat sie auf jeden Fall nicht.\u00a0Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Dame \u00fcberhaupt zur Ironie f\u00e4hig war.<br \/>\nMeine Frau hat sich auf jeden Fall k\u00f6stlich am\u00fcsiert.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWas war mit dem dritten Kind?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas wollten wir der Kursleiterin nicht mehr antun. Deshalb verzichten wir auf Kind Nummer 3.\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbVerst\u00e4ndlich.\u00ab<br \/>\nDie Gegend durch die wir rasten, kam mir immer vertrauter vor. Je n\u00e4her wir unserem Ziel kamn, desto weiter entfernt schien Winter zu sein. Immer wieder blickte sie gebannt nach drau\u00dfen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbBist Du Doch traurig geworden, weil Deine Zeit langsam gekommen ist?\u00ab<br \/>\nWinter blickte mich verst\u00e4ndnislos an und sagte: \u00bbWarum sollte ich der Zeit nachtrauern? N\u00e4chstes Jahr geht doch alles weiter.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDu scheinst weit entfernt zu sein. Woran denkst Du?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas ist eine selten bl\u00f6de Frage.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMir hat man beigebracht, dass es keine dummen Fragen gibt.\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte energisch den Kopf und sagte: \u00bbNat\u00fcrlich gibt es dumme Fragen. So eine bl\u00f6dsinnige Aussage l\u00e4sst sich doch nur jemand einfallen, der wissen m\u00f6chte, wie intelligenzbegabt sein Gegen\u00fcber wirklich ist.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDann entschuldige meine Frage.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu hast sie gestellt und ich kann nur sagen, dass Dich das nichts angeht.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas ist jetzt eine wirklich weibliche Reaktion.\u00ab<br \/>\nSofort wechselte Winter die Mine. War sie gerade noch ver\u00e4rgert, zeigten sich Spuren von Interesse. Sie sagte: \u00bbWie meinst Du das?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSobald eine Frau sagt, dass sie nichts hat und an nichts denkt, ist meistens etwas h\u00f6llisch schiefgelaufen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWirklich gut gelaufen ist es ja tats\u00e4chlich nicht. Sonst h\u00e4tte sich Mutter mehr \u00fcber mein Kommen gefreut. So war der Besuch eher niederschmetternd. Keine Ahnung was ich mir dabei gedacht habe, Dich mitzunehmen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWar ich so schlimm?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas bisschen Reise h\u00e4tte ich auch allein geschafft.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch habe es gerne gemacht.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbDas ist ja noch schlimmer.\u00ab<br \/>\nWinter trommelte mit den Fingern auf der Fensterbank. So nerv\u00f6s hatte ich sie noch nie gesehen.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWas gibt es? Was beunruhigt Dich?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDiese ganze Reise war v\u00f6llig bl\u00f6dsinnig. Du musst planen, was Du im n\u00e4chsten Monat mit Fr\u00fchling anf\u00e4ngst.\u00ab<br \/>\nIch nickte. Winter hatte recht, auch wenn ich das nicht gerne zugab. Dieser Spagat aus Reisen, die zu keinem Ziel f\u00fchrten und Meinungen, die wir uns gegenseitig an den Kopf warfen, f\u00fchrt zu nichts.<br \/>\nIch hoffte, dass Fr\u00fchling etwas strukturierter ist. Allerdings war das genauso hoffnungslos, wie die Vorstellung, dass sich eine Schlange in der Nasen bohrt.<br \/>\nDa Fr\u00fchling augenscheinlich nicht organisiert ist, sondern soweit ich sie kennengelernt hatte, sich eher treiben lie\u00df, w\u00fcrde es mir obliegen, ihrem Handeln eine Struktur zu verleihen.<br \/>\nIch sagte: \u00bb<a href=\"https:\/\/sackingbob74.wordpress.com\/2016\/03\/10\/neu-ab-demnaechst\/\">Das wird wohl ein schwieriges Projekt.<\/a>\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbKartenh\u00e4user w\u00e4hrend eines Erdbebens zu bauen, stelle ich mir einfacher vor. Aber wenn Du es wirklich willst, kannst Du es schaffen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIst das nicht der Spruch von Bob der Baumeister, den man heute viel zu oft h\u00f6rt?\u00ab<br \/>\nWinter nickte und l\u00e4chelte. F\u00fcr diesem Augenblick hatte ich das Gef\u00fchl, dass wir uns verstanden.<br \/>\nDann nickte sie und sagte: \u00bbEigentlich bin ich froh, dass ich f\u00fcr das Spektakel Platz mache. Ich eigne mich nicht als Clown beim Rodeo.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbGelegentlich kann ich Dich ja anrufen.\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelt den Kopf und sagte: \u00bbGeh mir bitte nicht auf die Nerven. Mach es oder geh dabei unter. Viel Spa\u00df dabei.\u00ab<br \/>\nWir rollten in einen Bahnhof ein, der mir vertraut vorkam. Die Bremsen quietschten und die Tr\u00e4gheit spielte ihre Spiele.<br \/>\nWinter erhob sich schwerf\u00e4llig. Ihre Haare hingen ihr hinunter und ihr Blick war glasig. Sie sagte: \u00bbIch bringe Dich nach Hause.\u00ab<br \/>\nDann drehte sie sich zur T\u00fcr und war verschwunden. Sie lie\u00df mich mit ihren zwei Koffern und meiner Tasche allein.<br \/>\nEs waren einige Tricks n\u00f6tig um alles gleichzeitig, aus dem Abteil zu bekommen. Auf dem Bahnsteig wartete Winter auf mich. Ihre grazi\u00f6se Gestalt lie\u00df sich eindeutig h\u00e4ngen. Sie hatte eine Sonnenbrille ins Gesicht gezogen unter der ich die Augen m\u00fcde blitzen sah.<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs wird wohl Zeit, dass Du Dir Ruhe g\u00f6nnst.\u00ab<br \/>\nMit einem Blick auf ihr Uhr sagte sie: \u00bbIst noch nicht ganz meine Zeit. Ein wenig muss ich noch warten.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMit Herbst hattet ihr doch auch keinen fixen \u00dcbergang. Da bist Du doch etwas fr\u00fcher angefangen. Dann kannst DU doch sicherlich auch fr\u00fcher aufh\u00f6ren.\u00ab<br \/>\nWinter lachte trocken und sagte: \u00bbDas hier ist kein Schichtbetrieb. Fr\u00fchling ist l\u00e4nger bei Mutter geblieben. Sie muss schon auftauchen, damit ich meine Arbeit niederlegen kann.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDann muss ich mich noch mit Deiner Anwesenheit rum\u00e4rgern?\u00ab<br \/>\nWinter l\u00e4chelte jetzt breit und sagte: \u00bbSoweit Du Dir nicht sofort das Leben nimmst &#8211; wahrscheinlich schon.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbPrima.\u00ab<br \/>\nAls ich am n\u00e4chsten Morgen aus der Haust\u00fcr kam, erwartete mich Winter.<br \/>\nSie hatte sich eins ihrer wei\u00dfen, flie\u00dfenden Kleider angezogen, die ein wenig nach Hochzeit aussahen und wirkte ausgeruht.<br \/>\nMit einem L\u00e4cheln sagte sie: \u00bbWas machst Du heute, Junge?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas Selbst wie die meisten Tage. Ich gehe arbeiten. Irgendwer muss ja das Geld verdienen.\u00ab<br \/>\nWinter sah mich ungl\u00e4ubig an, als h\u00e4tte ich etwas verdammt Dummes gesagt. Sie sagte: \u00bbDarum gehst Du arbeiten?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs gab mal fr\u00fcher das Ziel, mein Hobby zum Beruf zu machen. Nat\u00fcrlich w\u00e4re ich gerne Schriftsteller geworden oder Rock-Star. Wer tr\u00e4umt da nicht von?\u00ab<br \/>\nWinter lachte trocken und sagte: \u00bbDas sind die typischen Tr\u00e4ume meines Vetters Morpheus. Der macht sich ein Spa\u00df daraus, euch Menschen solche Ziele in den Kopf zu pflanzen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbMuss ein spa\u00dfiger Geselle sein.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbGlaub mir, er ist spa\u00dfiger als Fr\u00fchling. Du solltest Dich vor ihr wirklich in Acht nehmen. Sie kann ziemlich \u00fcbertreiben.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDen Sandmann kenn ich nur aus dem Comic. Wie ist er denn so?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbNeben seinem Spa\u00df an seinem Job, ist er ein gro\u00dfartiger Geschichtenerz\u00e4hler.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas w\u00e4re ich auch.\u00ab<br \/>\nWinter l\u00e4chelte und sagte: \u00bbVielleicht solltest Du mehr tr\u00e4umen und weniger leben.\u00ab<br \/>\nDie Tage mit Winter waren gez\u00e4hlt und sie sah nicht ungl\u00fccklich dar\u00fcber aus.<br \/>\nSie sagte: \u00bbDu kannst Dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, deiner \u203aBeta\u2039-M\u00e4nnchen-Existenz zu entfliehen. Es wird echt Zeit mich anderen Dingen zuzuwenden, mein Junge.\u00ab Dabei zeichnete sie Anf\u00fchrungszeichen bei dem Wort &#8218;Beta&#8216; in die Luft.<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch f\u00fchle mich nicht wie ein \u203aBeta\u2039-M\u00e4nnchen.\u00ab<br \/>\nWinter lachte auf. Ein weiteres mal ohne einen Funken Humor.<br \/>\nSie sagte: \u00bbNa Alpha bist Du auf jeden Fall nicht.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich bin ich weder das eine noch das andere. Mich interessiert nicht was die Alphas sagen und die Betas kratzen mich auch nicht. Weder diene ich noch herrsche ich. Bisher stand ich immer dazwischen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDer einzige, der am Hof weder herrscht und noch dient, ist der Narr.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDen Job \u00fcbernehme ich gerne.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDorftrottel h\u00e4tte Dir auch gut zu Gesicht gestanden. H\u00e4tte ganz Deinen Leistungen entsprochen.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIch wusste nicht, dass Du dieses Jahr die Bewertung \u00fcbernimmst. Danke f\u00fcr die Blumen.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDie findet man in dieser Jahreszeit nur sp\u00e4rlich.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbWeniger Bl\u00fchten bedeuten weniger Allergien. Das hat auch etwas f\u00fcr sich.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDas ist doch hoffentlich nicht da Einzige, was Du an dieser Jahreszeit gut findest?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDeine Jahreszeit ist voll OK. Ich liebe den Schnee und die K\u00e4lte. Gegen K\u00e4lte kann man sich w\u00e4rmer anziehen. Gegen Hitze hilft gar nichts. Da klettert man h\u00f6chstens in einen tiefen Brunnen und hofft, dass es bald aufh\u00f6rt.\u00ab<br \/>\nF\u00fcr einen Moment schien ein L\u00e4cheln \u00fcber Winters Gesicht zu huschen, welches erstmals ungek\u00fcnstelt wirkte. Der Ausdruck war sehr kurz zu sehen, so dass ich mich hinterher fragte, ob er tats\u00e4chlich da war. Dann sagte sie: \u00bbVielleicht komme ich im n\u00e4chsten Jahr doch noch mal auf Dich zur\u00fcck.\u00ab<br \/>\nSie drehte sich um und ging. Anscheinend hatte ich unwillk\u00fcrlich und unwissentlich einen Fehler begangen.<br \/>\nWinter erschien mir, w\u00e4hrend ich in der K\u00fcche stand. Mit den Fingern trommelte sie auf dem T\u00fcrrahmen. Sie sagte: \u00bbWas machst Du da?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIst das nicht offensichtlich?\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbDas sieht so unkoordiniert aus. Als w\u00fcrdest Du improvisieren.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbIn der K\u00fcche improvisiere ich gerne. Wenn ich nach Kochbuch kochen wollte, h\u00e4tte ich auch weiter im Labor Chemikalien herstellen k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\nMit ein paar Schritten stand sie hinter mir und sah in den Kochtopf.<br \/>\nIch sagte: \u00bbWenn Du Dich noch ein paar Minuten geduldest, bin ich fertig und Du kannst probieren.\u00ab<br \/>\nWinter sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: \u00bbEinem Chemiker sollte man nie trauen. Wahrscheinlich ist es giftig.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs w\u00e4re zumindest nett, wenn Du mich in der K\u00fcche in Frieden lassen w\u00fcrdest. Du kannst gerne alle Leute\u00a0fragen, die mit mir in einer K\u00fcche oder in einem Labor standen &#8211; ich hasse es, wenn ich beim Kochen nicht alleine sein kann.\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbScheint Dein eigenes Reich zu sein.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSolange ich koche\u00a0ist es mein Reich. Danach fragt mich meine Frau allerdings immer, was ich mit ihrer K\u00fcche gemacht habe.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWenn Du immer anders kochst, dann gibt es ja gar kein Standard-Gericht.\u00ab<br \/>\nIch zuckte mit den Achseln und sagte: \u00bbIst Normal nicht irrsinnig langweilig?\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbWenn man au\u00dfergew\u00f6hnlich ist, dann ist &#8217;normal&#8216; erstrebenswert. F\u00fcr alle Normale ist es die H\u00f6lle.\u00ab<br \/>\nIch lachte auf und sagte: \u00bbNormal ist 66!\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbWie meinst Du das?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbPer Definition ist etwas normal, was zweidrittel aller Einwohner machen. Wenn zweidrittel aller Menschen in Deutschland nach allen drei Schritten einen zur\u00fcck machen w\u00fcrden, dann w\u00e4re diese Gangart f\u00fcr Deutsche \u203aNormal\u2039. Prozentual entsprechen zweidrittel 66 Komma Periode 6. Abgerundet ist &#8217;normal&#8216; = 66. Nach dieser Definition ist es allerdings weder normal ein Mann zu sein, noch eine Frau. Beide Bev\u00f6lkerungsgruppen kommen nur auf ca. 50%.\u00ab<br \/>\nWinter nickte und sagte: \u00bbDu kannst Dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, Dich in einem Tag los zu werden.\u00ab<br \/>\nDann war sie verschwunden.<br \/>\nWinter hatte ein Glas Rotwein in der Hand. In ihren wei\u00dfen Sachen wirkte dies\u00a0verdammt mutig. Als ich ihr das sagte, lachte sie trocken auf.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWir Unsterblichen versch\u00fctten nichts. Das ist der Vorzug &#8211; nach ein paar Jahrhunderten hat man den Dreh raus. Es passiert so gut wie nie, dass man sich st\u00f6\u00dft oder etwas versch\u00fcttet.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDas ist dann wohl ein Erkennungsmerkmal. Wenn ich jemanden treffe, der sich vor mir auf den Bart legt oder der sich seinen Fu\u00df an einem Stuhl st\u00f6\u00dft oder der einen Fleck auf dem Hemd tr\u00e4gt, dann wei\u00df ich sofort, dass er nicht unsterblich sein kann.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbDeine Logik ist mal wieder unschlagbar.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbSag mal h\u00e4ttest Du nicht schon l\u00e4ngst Ruhe gehabt?\u00ab Winter sagte: \u00bbH\u00e4ttest Du nicht l\u00e4ngst 20 kg abnehmen sollen?\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbDeine boshaften Kommentare werden mir fehlen. Was machst Du jetzt?\u00ab<br \/>\nSie sagte: \u00bbIch habe mir ein paar B\u00fccher zugelegt. Au\u00dferdem kann ich hemmungslos Serien gucken.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEigentlich beneide ich Dich ein wenig. Einen Job, bei dem man die H\u00e4lfte des Jahres Urlaub hat, ist sicherlich kein schlechter. Au\u00dferdem scheint Dir selbst die eigentliche Arbeit kein wirkliches Problem zu bereiten.\u00ab<br \/>\nWinter sagte: \u00bbMich h\u00e4tte es h\u00e4rter treffen k\u00f6nnen.\u00ab<br \/>\nDann sah sie mir f\u00fcr ein paar Augenblicke in die Augen, bis ich mich sehr unwohl f\u00fchlte. F\u00fcr einen Moment wollte ich einfach nur aus dem Zimmer fl\u00fcchten.<br \/>\nSie sagte: \u00bbWir werden uns sehen. Pass auf Dich auf. Au\u00dferdem musst Du bei Fr\u00fchling aufpassen. Ich hoffe, dass sie Dich heil l\u00e4sst.\u00ab<br \/>\nIch sagte: \u00bbEs wird schon glattgehen.\u00ab<br \/>\nIhre ausgestreckte Hand nehmend,\u00a0verabschiedete ich mich \u00a0h\u00f6flich. Dann war sie verschwunden. Das Rotweinglas stand verloren auf dem Tisch.<br \/>\nBeim Abr\u00e4umen h\u00e4tte ich es fast umgesto\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Winter kam zu Besuch. Es war nur ein kurzer Besuch, aber sie drohte schon an, ab jetzt \u00f6fter zu kommen. Sie blickte sich im Raum um und sagte, dass sie noch nie so einen langweiligen Typen wir mich getroffen hatte. 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